Die Ursache von Bindungen
Die Brahma Sutra ist ein Moksha Sastra, das sich mit dem Thema der
Befreiung der Seele befasst. Wie kommt es zu Bindungen, und wie kann
man Bindungen wieder schrittweise rückgängig machen. Dies
ist das Hauptthema dieser wundervollen Brahma Sutra. Wie kommt es zu
Bindungen? Dieses Thema wird in der Chhandogya Upanishad und der Brihadranyaka
Upanishad unter dem Kapitel Panchagni Vidya behandelt.
Das Kind geht bereits bei der Geburt eine Bindung ein. Wie gelangt
das Kind in den Bauch der Mutter? Warum ist es für das Kind notwendig,
in den Bauch der Mutter zu gelangen? Woher weiß das Kind, welches
seine passenden Eltern sind? Es gibt unzählige Elternpaare auf
der Welt. Warum wählt es nur ein bestimmtes Elternpaar aus?
Wenn wir über dieses Thema sprechen, müssen wir zunächst
wissen, was es für eine Seele bedeutet, ins Leben zu treten. Was
ist Seele? Woraus besteht sie? Im Allgemeinen haben wir eine falsche
Vorstellung davon. Viele Menschen glauben, dass die Seele eine Art
von Substanz ist, die sich wie ein kleiner Ball, ähnlich dem Merkur,
im Körper bewegt. Alle möglichen Vorstellungen gibt es über
Jiva, Atma, Seele usw. Nichts dergleichen trifft zu.
Jiva oder die Seele, ist für diesen Zweck unser Subjekt, das
Ziel unserer Wünsche. Die Seele, von der wir hier sprechen, ist
nicht die Universale Seele, sondern es ist die gebundene Seele; und
niemand kann ohne einen Wunsch zu einem bestimmten Zeitpunkt gebunden
werden.
Es ist nicht das Kind, sondern der Wunsch, der geboren wird. Der Mensch
ist ein Musterexemplar, das aus vielen Wünschen zusammengefügt
wurde. Jede Zelle unseres Körpers besteht aus Wünschen. Der
Körper geht mit zahllosen Wünschen einher. Doch nicht jede
beliebige Anzahl von Wünschen kann mit einer Geburt erfüllt
werden. Intelligenterweise wird nur eine bestimmte Zahl von Wünschen
ausgewählt, um diese durch eine einzige Inkarnation zu erfüllen.
Der Wunsch eines Menschen ist in seiner Natur endlich. Wenn es jedoch
möglich wäre, würde er die ganze Welt verschlingen.
Dies ist aus verschiedenen Gründen unmöglich; doch wenn es
möglich wäre, würde er es tun. Er würde auch den
ganzen Himmel einnehmen! So verhält es sich mit der gierigen,
unersättlichen Natur der Wünsche.
Was ist ein Wunsch? Es ist eine Konzentration des Bewusstseins auf
einen bestimmten Punkt hin. Genauso wie wir mit Hilfe einer Lupe Sonnenstrahlen
zu einem Punkt bündeln können, ist es für das Universale
Bewusstsein auf ähnliche Weise möglich, sich auf einen Punkt
zu konzentrieren und sich damit selbst zu beschränken. Es heißt
in den Upanishaden, wenn sich das Bewusstsein selbst beschränkt,
sieht dies wie ein Funkenflug aus. Wie bei einer Feuersbrunst, sprühen
die Funken in alle Richtungen, auf diese Weise gehen von der Feuersbrunst
des Brahma Feuers‘ viele kleine Funken aus, die sich aber
wie selbstständig‘ verhalten. So weit, so gut. Die
Schöpfung ist damit nicht zu Ende.
Die davonfliegenden Funken verselbstständigen sich, so wie sich
jeder kleine Vorgesetzte in der Provinz von einer Zentralregierung
unabhängig fühlt. Dies wird als Lossagen‘ bezeichnet.
Ein Kreisdirektor mag so den ganzen Kreis als sein Eigen betrachten.
Ein Ortbürgermeister mag das Dorf als sein Eigen ansehen. Obwohl
sie alle nur als verlängerte Arme der Zentralregierung fungieren,
können sie sich innerlich durch Arroganz zu einer gewissen Unabhängigkeit
in ihrem kleinen Verantwortungsbereich entwickeln. So glaubt dann von
sich ein kleiner Prediger:Ich bin der Herr dieser Gemeinde.‘ Auf ähnlich
tragische Weise wurde die individuelle Seele befallen.
Der Wunsch ist die Natur der inkarnierten Seele. Doch der Wunsch ist
lediglich die Notwendigkeit, einem Bedürfnis nachzukommen; ein
unerfüllter Wunsch ist ein Übel. Der Wunsch ist ein intensives
konzentriertes Voranschreiten zu einem Punkt hin, der vom Bewusstsein
vorgegeben ist, und der dem Drang der Wunscherfüllung entspricht.
Was geschieht? Wunscherfüllung ist nur möglich, wenn ein
Objekt vorhanden ist, durch das der Wunsch erfüllt werden kann.
Die weltlichen Objekte sind von Natur aus körperlich. Ein Funken
allein kann nicht mit einem körperlichen Objekt in Berührung
kommen. Darum nimmt der Wunsch parallel eine körperliche Gestalt
an. Dazu benutzt er Bausteine, wie Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther;
- und genau hier befinden wir uns jetzt: Ein innerlich zentrierter
Wunsch, der auf irgendetwas Äußerliches gerichtet ist. Diese
physische Verkörperung wird als Körper angenommen.
Was sind das für Verkörperungen? Sie sind nichts weiter
als abgetrennte Teilchen und Formationen der fünf Elemente. Die
fünf Elemente sind überall, doch die Teilchen all dieser
Elemente, wurden um einen Konzentrationspunkt herum, wie von einem
Magnetkern, angezogen. Das Wunschzentrum, die individuelle Seele, ist
ein Zentrum, das sich wie ein Magnetkern verhält. Dieses Zentrum
ist auch als Ego bekannt. Die Aufgabe des Egos besteht darin, alles
magnetisch anzuziehen, wobei alle dualen Funktionen des Wunsches – des
Egos – abgestoßen werden.
Bei der Geburt, zum Zweck der Wunscherfüllung, vergisst das Wunschzentrum,
dass das körperliche Haus auf Grund seines Baumaterials keine
allzu lange Lebensdauer hat. Wie lange wird dieses Haus halten? Es
wird eines Tages ermüden. Man muss es neu tünchen, zementieren,
kleiden, baden, waschen und reinigen; wir machen so viele Dinge, doch
wie lange? Wie lange kann dieses Haus erhalten werden? Eines Tages
stürzt es ein. Dies kennt man als Tod des Körpers.
Die Lebensdauer eines Menschen hängt davon ab, wie lange der
Körper die Wunschhandlungen toleriert. Daran sollte man immer
wieder denken. Ein bestimmter Wunsch hat eine bestimmte damit verbundene
Kraft, und der Körper existiert so lange, wie diese Kraft andauert,
- wie Spannung bei der Elektrizität. Wenn es sich um Hochspannung
handelt, wird der Körper länger erhalten bleiben; wenn es
sich um Niederspannung handelt, hat er eine kürzere Lebensdauer.
Doch Wünsche bleiben durch den Zusammenbruch des Körpers
nicht unerfüllt, denn Wünsche kommen nicht nur mit einem
Objekt in Berührung. Wünsche wollen alles. Insoweit wie der
Wunschkern durch Entsagung vom Universalen Sein alles verloren hat,
sucht dieser nach künstlicher Ersatzbefriedigung durch Besitznahme
aller möglichen Dinge. Wenn jemand alles verloren hat, will er
im schlimmsten Fall alles. Jemand, der zwei Monate lang nichts zu Essen
hatte, hat einen solchen Heißhunger, dass er sogar Steine essen
würde.
Du hast das Unendliche verloren, und darum hast du jetzt den unendlichen
Wunsch, ihn selbst durch Berührung mit zahllosen endlichen Objekten
zu erfüllen. Dies ist eine kurze Geschichte von Geburt und Tod,
einer endlosen Kette von Seelenwanderungen, - Samsara. Eine Vielzahl
von Endlichkeiten machen nicht das Unendliche.
Welche Erfahrungen macht man in der Stunde des Todes wirklich? Die
Panchagni Vidya ist sehr interessant. Der Körper wird schwach;
das Haus‘ sagt: Ich breche zusammen!‘ Die
Steine sind schwach, der Putz fällt heraus; es gibt undichte Stellen
am Kopf – alles wird vollständig zerfallen sein. Ich
muss niesen‘, meine Gelenke tun weh‘, Oh‘ – wird
er weiterhin klagen. Dies sind die Symptome für das nahe Ende
des Körpers.
Was geschieht? Wenn die Zeit des Sterbens kommt, stellt das Gehör
seinen Dienst ein. Körper und Persönlichkeit bestehen aus
den fünf Elementen. Die Elemente ziehen sich nacheinander zurück.
Das Hören ist mit dem Raum verbunden. Das Göttliche des Raumes
möchte sich zurückziehen und die Hörfähigkeit hört
auf. Ein Sterbender kann nicht mehr verstehen, was gesagt wird. Doch,
was bleibt? Die nächste Stufe des Abstiegs im Schöpfungsprozess
ist Vayu, die Fähigkeit zu berühren. Das Fühlen vergeht
ebenfalls. Dann vergeht das Feuer: der Körper wird kalt; es entsteht
ein Kältegefühl in Füße und Hände; die Leute
sagen: Oh! Er geht, er geht.‘ Er wird kalt.‘ Dann
wird die Haut welk; das Wasserhaushalt bricht zusammen und der Körper
trocknet aus.
Die (Prana) Lebensenergie, die mit allen inneren Ebenen des Körpers
verbunden war, erzittert. Der Todeskampf erfasst den ganzen Körper.
Und der Funken, der das Individuum ausmachte, offenbart sich nun noch
einmal wie ein kleines Glimmen an der Spitze des Herzens. Dieses Glimmen
ist auf Grund der Wolken des Wunsches und der allgemeinen Geschäftigkeit
des Menschen im normalen Leben nicht sichtbar. Die Glut ist verdeckt,
und wir wissen es nicht. Wenn nun der Körper abgeschüttelt
wird, tritt dieses Glimmen hervor. An der Spitze des Herzens leuchtet
ein Funken. Dies ist das Symbol der Jiva, die den Körper verlassen
möchte. Mit einem plötzlichen Ruck verlässt der kleine
Funken diesen Körper und nimmt die Lebensenergien mit sich.
Werden in der Stunde des Todes Schmerzen empfunden oder nicht? Das
kann nur nach dem Wunsch beurteilt werden, dem der Körper standhält.
Die Wünsche sind verschiedener Natur. Intolerantes Verlangen ist
die eine Art. Normales Verlangen ist eine andere Art. Ein Mensch, der
drei Mal am Tag isst, wird größere Qualen am Fasttag erleiden,
als jemand, der regelmäßig zwei Mal isst; und derjenige,
der nur einmal pro Tag isst, erleidet dann noch weniger Probleme. Auf ähnliche
Weise bestimmen die Wünsche, die Sattvika (rein), Rajasika (abgelenkt)
oder Tamasika (dunkel) sein können, die Gefühle in der Stunde
des Todes.
Der Todeskampf wird durch die Intensität der Wünsche bestimmt,
die im Leben eine Rolle gespielt haben. Jene Menschen, die in ihrem
ganzen Leben gebetet, Gott verehrt und meditiert haben, und ein Leben
voller Güte, Mitleid und Dienst am Nächsten geführt
haben, werden keinen so schweren Todeskampf, wie andere Menschen empfinden.
Jene Menschen aber, die abgründig korrupt und verlogen sind, geschmuggelt
haben, den Frieden anderer Menschen zerstört, als Banditen ihr
Unwesen getrieben und andere schlimme Dinge getan haben, werden in
der Todesstunde einen fürchterlichen Schlag im Kopf fühlen.
Warum sollte man dies fühlen? Wenn man ein wirklich religiöses
Leben mit Gebeten, Meditation, Dienst am Nächsten, Güte,
Mitleid geführt hat und die Liebe zu Gott im Vordergrund stand,
wird dies eine lindernde Wirkung in der Todesstunde haben.
Wenn du deinem Guru gedient hast, wird die Gnade des Gurus in dieser
Todesstunde wirken. Wenn das Sadhana sehr intensiv war, so wird gesagt,
können erwartete Tragödien durch die Gnade Gottes oder des
Guru im Traum bewältigt werden. Angenommen, man hat das Schicksal
vom Baum zu fallen und sich dadurch ein Bein zu brechen. Durch die
Macht der Hingabe, die Verehrung, die Gebete und durch die Gnade des
Gurus, findet dieses Ereignis im Traum statt. Man fällt im Traum
vom Baum und bricht sich das Bein; beim Erwachen wird ein imaginärer
Schmerz gefühlt. Und anstatt das Bein wirklich zu brechen, geschieht
es durch Gurus Gnade, Gottes Gnade und die Macht des Sadhana nur symbolisch.
Wenn man ein göttliches Leben geführt hat, wird in ähnlicher
Art und Weise der Todeskampf abgemildert.
In den Ausführungen der Panchagni Vidya bzgl. Brahma Sutra, werden
die Passagen nach dem Tod beschrieben. Wohin geht die Reise? Wir wollen
es nicht wissen! Wir essen gut, schlafen gut und haben in dieser Welt
ein freudevolles Leben; wer denkt schon an die Zeit danach?
Die Seele wandert zu dem Ort oder zu der Sache, woran der Geist sein
Leben lang schon immer gedacht hat. Nun lass jeden selbst heraus finden,
woran er sein ganzes Leben lang gedacht hat. Man mag von sich sagen,
man hätte an viele Dinge gedacht; selbst dann gibt es eine Meinung
von sich selbst; dieses setzt sich fort. Die Seele wird von dem Ort
angezogen und wieder geboren werden.