Falsche Vorstellungen werden widerlegt
Wünsche, die sich auf weltliche Objekte beziehen, können
nicht erfüllt werden, da der Geist sie als außerhalb von
sich selbst akzeptiert. Etwas Äußerliches kann nicht zu
etwas Innerem werden. Auf diese Weise sind alle Wünsche in ihrer
Natur nutzlos. Sie sind wie Luftschlösser, denen man nachjagt.
In den Vyavaharika satta, - im tatsächlichen Zustand der Existenz,
- scheint sich die Welt auf gleicher Ebene mit dem Betrachter zu befinden.
Man könnte ihre Hand schütteln. Doch dies ist mit Brahman,
dem Absoluten, nicht möglich.
Die Welt existiert als empirische, praktische und pragmatische Wirklichkeit.
Darum liegt Vijnanavada nicht richtig mit seiner Behauptung, dass die
Welt überhaupt nicht existiert. Sie existiert irgendwie, doch
nicht in jeder Beziehung. Vyavaharika satta ist die akzeptierte empirische
Wirklichkeit der Außenwelt, mit der wir jeden Tag umgehen und
in Berührung kommen, und das weltliche Geschehen geht immer weiter.
Darum müssen wir die Doktrin über die Existenz oder Nicht-Existenz‘ der
Welt mit absoluter Vorsicht behandeln. Wir sollten es nicht übertreiben.
Ein unreifer Verstand sollte sich nicht um Philosophie kümmern.
Ein Guru erzählte seinem Schüler: ”Alles ist Brahman.” ”Sehr
gut, sehr gut,” sagte der. Eines Tages als er auf die Straße
ging, begegnete ihm ein Elefant. Der Mahut (Treiber) sagte: ”Geh
aus dem Weg, geh aus dem Weg!” Der Schüler dachte bei sich:
Warum sollte ich aus dem Weg gehen? Der Elefant ist auch Brahman, und
der
Guru hat es gesagt!‘ Der Schüler blieb, wo er war. Der Elefant
hob ihn empor und warf ihn wieder zu Boden, was dem Schüler ein
Beinbruch einbrachte. Der Schüler ging zu seinem Guru und sagte: ”Guruji,
was hast du mir erzählt! Du hast gesagt, alles sei Brahman, und
ich dachte, dass auch der Elefant Brahman ist. Dies brach mir mein
Bein.” ”Oh, du dummer Mensch! Hast du nicht geglaubt, dass
auch der Mahut Brahman ist? Hat er dir nicht geraten, aus dem Weg zu
gehen? Das hast du nicht richtig verstanden.”
Es ist nicht gut, nur einen Teil der Wirklichkeit zu verstehen. Die
Yoga-Vasishta warnt uns:
Ardhavyutpannabuddhestu Sarvam Brahmeti yo vadet;
Mahanaraka-jaleshu sa tena viniyojitah‘
Wenn man die Doktrin über Brahman an einen unvorbereiteten Geist
weitergibt, wirst du selbst zusammen mit diesem Schüler zur Hölle
gehen! Sprich nicht sorglos. Es ist ein Fehler, unvorbereiteten Menschen
zu erzählen, dass alles Brahman ist. Dies würde dem betreffenden
Menschen seinen gesunden Menschenverstand rauben, er würde nichts
davon haben, sondern alles verlieren.
Noch einmal zur Warnung: Die Vedanta sollte nicht gleich zu Beginn
des Lernens studiert werden. In den ersten Stufen sollte man sich mit
Bhakti Yoga, Karma Yoga, den Upasana Methoden und anderen Dingen auseinander
setzen. Die Upasana Methode wird im dritten Kapitel der Brahma Sutra erwähnt. Man muss durch die Upasana Ebene (Bhakti) solange hindurchgehen,
bis der Geist sorgfältig geläutert ist.
Wir haben kennen gelernt, wie die Brahma Sutra die buddhistische Sichtweise über
die sich verändernden Dinge, den augenblicklichen Zustand der
Dinge und den nihilistischen Aspekt des Buddhismus widerlegt.
Es gibt andere Doktrin, wie die Theorie über das Atom. Alles
besteht nur aus Atomen. Die Bündelung von Atomen erschaffen die
Formen der Dinge, und die Qualität des Ausgangsmaterials bringt
neue Qualitäten hervor. Wer erschuf die Welt? Die Atome erschufen
die Welt. Die Atome trafen aufeinander und erschufen so die Sinne der
Objektivität, die Solidität und die Fähigkeit zur Wahrnehmung.
Diese Doktrin wird in der Brahma Sutra widerlegt. Atome können
sich nicht miteinander treffen, denn sie haben weder Gestalt noch Ausdehnung.
Nyaya und Vaiseshika haben diese Doktrin skizziert und damit akzeptiert,
dass Atome weder Gestalt noch Ausdehnung haben. Wenn es bei Atomen
keine Ausdehnung gibt, wie sollen die sich dann treffen? Darum ist
die Theorie über die Begegnung der Atome nicht akzeptabel. Selbst
angenommen, wenn es möglich wäre, dass sich die Atome begegnen,
wer veranlasst dies? Wer verursacht die Vereinigung von einem mit einem
anderen Atom, mit einem Doppelatom oder Trippelatom? Solange es keine
zwingende Kraft dafür gibt, kann diese Aktivität nicht stattfinden.
Um diese Argumentationskette von der Vereinigung der Atome und der
Schaffung der Welt akzeptieren zu können, bedarf es einer
Kraft, die diese Atom zusammenkommen lässt. Wenn man behauptet,
dass die Atome ausreichend seien, und alles würde durch die Aktivität
der Atome erschaffen werden, dann ist diese Theorie unzureichend. Diese
Theorie ist widerlegt. Die Nyaya akzeptiert letztendlich die Existenz
einer Art göttlichen Schöpferkraft, doch dieser außerordentliche
kosmische Vorgang setzt in Wirklichkeit den Eingriff Gottes mit seiner
Schöpfung voraus.
Es gibt andere Theorien, die besagen, dass der Atman, das Selbst oder
das Bewusstsein sich ebenso wie Atome verhalten (Anumatra). Dieses
Wort wird in den Upanishaden nicht als Atom, sondern als subtil verstanden.
Es bedeutet so viel wie sehr fein, was man unmöglich greifen kann;
darum wird es metaphorisch als Anu‘ bezeichnet.
Anuh pantha Vitatah‘, sagt die Upanishad. Der Pfad zur
Vollkommenheit ist Anu‘, atomisch. Atomisch bedeutet nicht
nur klein, wie ein kleines Teilchen, sondern so viel wie außerordentlich
fein, was im menschlichen Sinne nicht fassbar ist, und darum wurde
es als Anu‘ – extrem fein und nicht wahrnehmbar – bezeichnet.
Kshurasya Dhara Nisita Duratyaya Durgam Pathastat Kavayo Vadanti‘
(Katha Upanishad)
Der Weg zum Himmel, zu Gott, zum Absoluten ist so scharf, so fein
und unverständlich, als würde man auf der Schneide einer
Rasierklinge voranschreiten.
Warum heißt es, dass Atman innerlich ist? Die Idee von einem
inneren Atman vermittelt den Eindruck, dass ES nicht außen zu
suchen ist. Ist es nicht so? Die Idee von einem Atman, sei ES innerlich
oder äußerlich, muss zuerst geklärt werden. Was ist überhaupt
unter dem Atman zu verstehen? Was ist es? Woraus besteht es? ES ist
nicht von körperlicher Gestalt, denn alles Körperliche ist
sterblich. Das Selbst ist unsterblich und unvergänglich. Alle
Doktrin, alle Philosophien akzeptieren das Selbst als Unsterbliches.
Wenn ES unsterblich ist, sollte ES jeglicher Ausdehnung und jeder Art
von Vergänglichkeit trotzen. ES sollte ohne jede Ausdehnung sein.
Wenn dieses Bewusstsein, welches Atman ist, eine Ausdehnung oder Begrenzung
hätte, wäre es endlich und nicht unsterblich. Endliche Dinge
streben nach Unendlichkeit. Endliche Dinge können nicht mit sich
selbst zufrieden sein. Im Zentrum jedes Endlichen existiert ein Bemühen
um Unendlichkeit. Darum kann Atman nicht endlich sein, sondern ES ist
alldurchdringendes Bewusstsein.
Die Idee von einem inneren Atman muss vom Begriff her richtig verstanden
werden. ‘Im Innern’ heißt nicht ‘in mir’ oder ‘in
dir’ usw., sondern ‘Im Innern’ bedeutet in allem.
Ein Ding, dass in allem existiert, ist überall. Wenn ES überall
ist, ist es, wie im Fall von Atman, vor dem Gebrauch der Wörter ‘innerlich’ und ‘äußerlich’ sicher.
Sag’ nicht, dass Atman innerlich oder äußerlich ist.
ES ist überall und unbegreiflich. Wenn sich etwas außerhalb
befindet, kann man es verstehen, und wenn es sich auch innerhalb befindet,
kann man es bis zu einem gewissen Grade auch noch verstehen. Doch wenn
ES sich überall befindet, wer will das noch verstehen?
Hier kommt wieder Frage über den ‘erkannten Brahman’ auf.
Dasjenige, was überall ist, schließt selbst jenen Menschen
ein, der versucht, ES zu kennen zu lernen. Dieses Etwas, was überall
ist, kann solange nicht erkannt werden, bis der Sucher selbst zu DEM
geworden ist. Brahman zu kennen, bedeutet Brahman zu sein. Die Wirklichkeit
zu kennen, bedeutet die Wirklichkeit zu sein. Gedanke und Wirklichkeit
verbinden sich und werden Absolutes Sein. Darum ist Atman nicht nur
ein ‘Anu’ oder Teilchen, wie die Menschen manchmal glauben
mögen. Die Doktrin über das Atom oder Anuvada, eines Bewusstseins,
das nur innerlich ist, ist damit ebenfalls widerlegt.
Überraschenderweise ist dies der Grund, weshalb die Brahma Sutra
nicht von allen und jedem gelesen werden sollte; - sie widerlegt viele
Theologien, unter anderem auch Vaishnavismus und Savisismus etc.
Man wird überrascht sein, warum sie Vaishnavismus (Verehrer Vishnus,
Krishnas etc.) und Savisismus (Verehrer Shivas) widerlegt. Ende
des zweiten Kapitels geht die Brahma Sutra ins Detail, wobei erklärt
wird, dass es unmöglich ist, die Vaishnava und Saiva Theologie
pauschal gelten zu lassen. Dies ist für deren Anhänger nicht
besonders erfreulich. Philosophie ist keine Religion, sondern tief
gehende Analyse des Modus operandi der Attraktivität von Religionen.
Warum geht die Brahma Sutra so weit, den Glauben der Menschen zu erschüttern?
Noch einmal, der Punkt ist, dass die Menschen noch nicht reif für
das Wissen Brahmans sind, und sie sollten die Brahma Sutra nicht gleich
am Anfang ihrer Ausbildung studieren. Zuvor ist es notwendig, die Logik
des Wünschens und Fühlens kennen zu lernen.
‘Vyuha’ bedeutet eine Gruppe von Gottheiten. Unter diesen
Gruppen versteht man Vasudeva, Sankarshana, Pradyumna und Aniruddha.
Vasudeva ist Gott Krishna. Pradyumna ist sein Sohn, Aniruddha sein
Enkel und Sankarshana ist sein Bruder. Vasudeva, Sankarshana, Pradyumna
und Aniruddha sind im Vergleich zu Gott, die Kategorien der Gottheiten,
und in Bezug auf Vaishnavismus, individuell, geistig und Ich-bezogen.
Die Brahma Sutra sagt, dass es keine Kategorien von Gottheiten geben
kann. ES ist eine unteilbare Menge, und wenn Vasudeva, Sankarshana,
Pradyumna, Aniruddha usw. hervorbringt, so ist jede von ihnen sterblich.
Etwas, das etwas anderes hervorbringt, ist endlich. Eine Ursache, die
sich selbst in einen Effekt verwandelt, hat bereits in sich selbst
eine Veränderung durchgemacht und aufgehört, die Ursache
zu sein; der Effekt hat die Ursache zerstört.
Brahman kann nicht zu Vasudeva, Sankarshana, Pradyumna und Aniruddha
werden, wenn ES sich selbst nicht in diese Abstufungen oder Objekte
verwandelt, die wir religiös verehren. Wenn Milch sich in Jogurt
verwandelt, kann es nicht länger als Milch bezeichnet werden.
Wenn also Jogurt entstanden ist, hat die Milch aufgehört zu existieren.
Wenn man diese Doktrin der Offenbarung der Vyuhas entsprechend der
Vaishnava Theologie akzeptierte, dann würde dies bedeuten, dass
Brahman sich selbst in diese Vyuhas verändert hätte, so wie
sich Milch in Jogurt verwandelt. Genauso wie Jogurt die Milch völlig
zerstört, würden die Vyuhas Brahman zerstören. Darum
kann diese Theologie nicht akzeptiert werden. Entsprechend können
die Pasupata (Name Shivas - Herr der Tiere) und Saiva Kosmologien beiseite
gelassen werden.
Gott als Persönlichkeit zu sehen, herrscht in vielen Weltreligionen
vor, sei es im Christentum, dem Islam, dem Zoroastrismus und all den
semitischen Religionen. In indischen Religionen wird Gott als Übermensch
betrachtet. Man kann Ihn Allah, Vater im Himmel, Narayana, Vishnu oder
Shiva nennen. Welcher Name auch immer es sei, es wird ein Gottmensch
akzeptiert.
Was versteht man unter einer Persönlichkeit (einem Gottmenschen)?
Dies muss zuerst geklärt werden. Die Persönlichkeit bedeutet
eine Einschränkung, die man dem all-durchdringenden Gott auferlegt.
Du bist eine Persönlichkeit, und du dehnst nur die Vorstellung
deiner Persönlichkeit zur Unendlichkeit aus, um die Persönlichkeit
Gottes wahrzunehmen. Gott sieht wie ein riesiger Mensch aus. Man kann
diese Fehleinschätzung nicht vermeiden. Selbst wenn Gott eine
unendlich ausgedehnte Persönlichkeit wäre, gäbe es Raum
und Zeit außerhalb von IHM. Die Vorstellung von einem Gottmenschen
kann solange nicht aufkommen, wie kein äußerlicher Raum
vorhanden ist. Wenn der Raum sich in diesem Gottmenschen befinden würde,
dann würde der wahrgenommene Mensch zur Unperson. Brahma Sutra
betont die Unpersönlichkeit Gottes, und lässt Persönlichkeiten
zum Zweck der Verehrung und Kontemplation zu.
Die Brahma Sutra wird nicht zu Beginn der Vedanta Sastra behandelt.
Es gibt vorangestellte Texte wie Atma Bodha, Tattva Bodha, Vedanta
Sara und Panchadasi usw. Diese einführenden Texte sollen die schwierigen
Punkte der Vedanta Doktrin klären. Man muss langsam voranschreiten.
Gehe niemals direkt zu den Upanishaden. Heutzutage sagen die Leute:
Ich studiere die Upanishaden usw.‘ Der Geist ist noch nicht dafür
reif, das Herz ist voller Wünsche, Verlangen, Vorurteile, Egoismus,
Lust, Angst und Gier. Diese Ablenkungen sollten vor dem Verlangen nach
dem ALL-Sein, - Brahman, - ausgemerzt werden.