3. KAPITEL
AUF DEM AMBOSS -
TEILHABEN AM GÖTTLICHEN REICHTUM
Erste
spirituelle Bestrebungen
Manche Mahatmas (Meister)
verbringen ihr ganzes Leben mit dem eingehenden Studium der Schriften
und führen gerne hitzige Diskussionen und Streitgespräche über
schwer verständliche Yoga- und Vedanta-Themen.
Manche Yogis mühen sich mit Hatha-Yoga-Übungen
ab in der Hoffnung auf übernatürliche Kräfte und
foltern den Körper. Ein paar fühlen sich vom Kundalini-Yoga,
dem Yoga der Energieerweckung, und den Tantra Shastras (Schriften über
Tantra,
die Shiva-Shakti-Philosophie) angezogen. Sie wollen auf
diese Weise geistige Kräfte erlangen, um Wunder vollbringen
zu können. Andere verbringen ihre ganze Zeit mit Japa (Mantrawiederholung)
und Kirtan (Mantrasingen) und beklagen stundenlang ihr
Getrenntsein von Gott. Gebildete junge Leute schreiben ständig
interessante Artikel und Vorträge, um sich auf weltweite
Vortragsreisen vorzubereiten. Ich liebe und respektiere alle
diese großen Seelen wegen ihrer gründlichen Vertiefung
in ihr jeweiliges Gebiet. Aber erreichen sie alle die Vollkommenheit?
Ich stellte fest,
daß sie nicht über die richtigen Voraussetzungen und
Annehmlichkeiten verfügten. Ihnen fehlte die Anleitung durch
einen kundigen Menschen. Sie konnten ihr Sadhana nicht
beständig und systematisch ausüben und wechselten ihre
Praktiken häufig. Entweder achteten sie übermäßig
auf ihre Bedürfnisse oder kümmerten sich gar nicht
um ihre Gesundheit. Sie dachten alle viel an die Zukunft und
strebten nach übernatürlichen Kräften (Siddhis),
Wundern, Ansehen und Berühmtheit. Das ließ nur ihr
Ego anschwellen. Ich studierte ihre Methoden genau; das öffnete
mir die Augen und gab mir die Kraft, mich an eine strenge spirituelle
Praxis in der richtigen Richtung zu halten. Ich fühlte die
Gnade Gottes. Ich erhielt Kraft und Führung von innen und
fand Wege für eine ganzheitliche Entwicklung. Selbstverwirklichung
war das Ziel meines Lebens und ich war entschlossen, jedes bißchen
meiner Energie und Zeit mit Studium, Dienst und Sadhana zu
verbringen.
Ganzheitliches
Sadhana
Dienst an Kranken, Armen und Mahatmas reinigt das Herz. So kann man göttliche
Eigenschaften wie Mitleid, Mitgefühl, Barmherzigkeit und Großzügigkeit
entwickeln. Es trägt dazu bei, schlechte Eigenschaften und Unreinheiten
des Geistes wie Selbstsucht, Stolz, Haß, Zorn, Gier, Eifersucht
und so weiter auszumerzen. Die kranken Meister und armen Dorfbewohner
hatten keine angemessene medizinische Versorgung. Tausende von Pilgern
nach Badrinath und Kedarnath brauchten ebenfalls ärztliche Hilfe.
Daher richtete ich beim Lakshmanjhula-Tempel am Weg nach Badri-Kedar
den Satyasevashram ein, eine kleine Apotheke und Krankenstation,
und half den Verehrern mit großer Liebe und Hingabe. In ernsten
Fällen stellte ich eine besondere Ernährung zusammen und
besorgte Milch und alles sonst Notwendige. Die spirituelle Entwicklung
schreitet schneller voran durch Dienen mit dem richtigen, hingebungsvollen
Gefühl (Bhav) und einer entsprechenden Einstellung.
Um meine gute Gesundheit
aufrechtzuerhalten, praktizierte ich Asanas (Körperstellungen),
Pranayama (Atemübungen), Mudras (Körperstellungen
in Verbindung mit Atmung) und Bandhas (Verschluß; Übung
in Verbindung mit Atmung). Abends unternahm ich lange, weit ausholende
Spaziergänge. Zusätzlich machte ich Körperübungen.
Ich achtete besonders auf eine einfache Lebensweise, erhabenes Denken,
leichte Ernährung, vertieftes Studium, stille Meditation und
regelmäßige Gebete. Ich liebte die Abgeschiedenheit und
befolgte Mauna (Schweigen). Ich mochte keine Gesellschaft
und nutzloses Gerede. Von der Bibliothek des Ram Ashrams in Muni-ki-reti
lieh ich mir Bücher für meine Studien und widmete jeden
Tag eine gewisse Zeit dem Studium. Ich hatte immer ein Wörterbuch
in Reichweite und schlug die Bedeutung schwieriger Wörter nach.
Schlaf und Entspannung gaben mir genug Kraft, mein intensives Sadhana fortzusetzen.
Ich suchte die Nähe großer Meister, ließ mich aber
nie auf Diskussionen und Debatten ein. Selbstanalyse und -beobachtung
dienten mir als Führung.
Um Gebet und Meditation
mehr Zeit zu widmen, zog ich in den Swarg Ashram. Ich lebte in einem
kleinen Kutir (Hütte) von acht mal zehn Fuß mit
einer kleinen Veranda davor und bezog mein Essen von der Kali-Kambliwala-Speisestätte.
Heute trägt das Kutir mit einigen nachträglich hinzugefügten
Räumen die Nummer 111. Ich behielt mein Sadhana und den
Dienst an Kranken bei. Jeden Tag ging ich eine Stunde lang von Hütte
zu Hütte, um kranke Mahatmas zu pflegen, nach ihrem Wohlergehen
zu fragen und sie mit dem Nötigen zu versorgen. Ich verbrachte
viel Zeit mit Meditation und praktizierte verschiedene Yogaarten.
Die Erfahrungen daraus sind in viele meiner Veröffentlichungen
als Ratschläge für Aspiranten eingeflossen. Ich verbreitete
meine Gedanken und Erfahrungen schnell, um der Welt und allen Wahrheitssuchenden
zu helfen. Üblicherweise hielten sogar große Mahatmas ihr
Wissen geheim und lehrten es nur einigen Auserwählten.
Das
Leben im Swarg Ashram
Ich wendete nicht viel
Zeit zum Zähneputzen, Kleiderwaschen und Baden auf. Das erledigte
ich schnell zwischendurch, wenn ich zwischen Sadhana, Studium
und Dienst ein wenig Luft hatte. Ich war nie von jemandem abhängig,
obwohl es ein paar Schüler gab, die auf eine Gelegenheit warteten,
mir Dienste zu erweisen. Ich hatte feste Zeiten für alle Arbeiten
wie zum Beispiel Studium, Schriftwechsel mit Sadhakas (Schülern), Übungen,
Bettelgänge und so weiter. Nach und nach kamen viele Menschen
zu mir. Das beeinträchtigte meine planmäßige Arbeit
ernstlich. Mit der Zustimmung der Ashramverwaltung zog ich einen
Drahtzaun um meine Hütte und verschloß das Tor.
Besuchern führte
ich meine Gelehrsamkeit nicht durch langwierige, hochphilosophische
Erörterungen vor. In fünf Minuten gab ich jedem ein paar
kurze Hinweise zum praktischen Sadhana. Am Eingang zu meinem
eingezäunten Gelände brachte ich ein Schild an mit der
Aufschrift: "Fragestunde zwischen 16.00 und 17.00 Uhr - je fünf
Minuten pro Besucher". Im Winter kamen nicht viele. Ich nutzte dann
die Zeit für einen forschen Spaziergang auf dem Gelände
und sang dabei Bhajans (Lobgesänge) und Lieder. An manchen
Tagen verließ ich mein Kutir gar nicht. Zum Essen bewahrte
ich aus den Überresten meiner Almosen immer etwas trockenes
Brot auf. Mein Ziel war eine vertiefte spirituelle Praxis (Sadhana).
Meine Freude war unbeschreiblich,
wenn ich abends stundenlang auf einer Sandbank oder einem Felsen
am Ganges saß und die herrliche Natur bewunderte. Ich wurde
eins mit der Natur. In dieser Zeit gründete ich die Swarg-Ashram-Sadhu-Sangha-Gesellschaft,
einen Verein zur Förderung der Mönche, um Abhilfe für
die herrschenden Mißstände zu schaffen und ließ die
Einrichtung registrieren. Ich lud bedeutende Meister ein und organisierte
eine Zeitlang wöchentliche Vorträge und tägliche Bhajans
und Rezitationen des Ramayana. Ein paar Monate lang führten
wir auch Vorträge über Yoga Vashishtha (Lehre des
Yogameisters Vashishta), das Ramayana von Tulasidas (Heilige
Schrift über das Leben von Rama) und die Upanishaden (indische
heilige Schrift) durch. Meine Schüler förderte ich in ihrer
Entwicklung durch organisatorische Mitarbeit im Verein.
Unterwegs
in göttlichem Dienst
1925 besuchte ich den
Kleinstaat Sherkot in Dhampur im Bezirk Bijnur. Die Rani (Herrscherin)
von Sherkot, Shrimati Phulkumari Devi, bereitete mir einen herzlichen
Empfang. Ich führte dort mehrere Tage lang Bhajans durch
und leistete den Dorfbewohnern ärztliche Hilfe. Die Maharani (Fürstin)
von Mandi, Shri Lalita Kumari Devi, besuchte den Bhajan ebenfalls.
Selbst nach Jahren noch sagte sie immer, wenn sie mich traf: "Ich
kann Ihre wohlklingenden, anregenden Lieder nicht vergessen. Sie
sind noch ganz frisch in meinem Gedächtnis. Ich spüre ihren
Einfluß bis jetzt. Sie haben mich verzaubert und meine Seele
erhoben."
Von Sherkot ging ich
zu Fuß nach Rishikesh zurück und besuchte die Dörfer
am Weg. Ich hielt Vorträge über Yoga und leitete Kirtans und
Bhajans mit
den Gruppen von Verehrern, die dabei zusammenkamen. Diese gelegentlichen
Reisen halfen mir, alle göttlichen Eigenschaften zu entwickeln
und der Menschheit ganz allgemein zu dienen. Während meines
Lebens als Wandermönch (Parivrajaka) besuchte ich einmal
Rameshwaram und die heiligen Orte Südindiens. Damals hielt ich
mich eine Weile lang im Shri Ramana Ashram auf. Der Anwalt Shri Chand
Narain Harkuli von Sitapur begleitete mich. Unterwegs war ich auch
in Puri und verehrte Jagannath (Name für Vishnu bzw.
Krishna). In Waltair nahm ich ein Bad im Meer. In Rameshwaram verehrte
ich Ramalinga (ind. Heiliger). Ich kam am Tag von Shri Ramanas Geburtstagsfeier
im Ashram an. Ich hielt Bhajan und Kirtan in der großen
Halle vor Shri Bhagavan Ramana und den Verehrern. Ich umwanderte
den Arunachala-Hügel ("Roter Berg" oder "Hügel des Lichtes",
der heilige Berg Südindiens) und verehrte ihn als Tejas Linga ("Säule
des Lichtes", Phallus, Symbol für die göttliche schöpferische
Kraft).
Wann immer sich eine
Gelegenheit bot, der Menschheit als Ganzes zu dienen oder wenn man
mich nötigte, bei spirituellen Konferenzen den Vorsitz zu führen,
besuchte ich verschiedene Stätten in Bihar, im Pandschab und
in anderen Provinzen. Ich gründete dynamische spirituelle Zentren,
organisierte Konferenzen und Kirtan-Zusammenkünfte und
beteiligte mich an den Aktivitäten zahlreicher schulischer,
religiöser und spiritueller Einrichtungen. Sogar wenn ich im
Zug reiste, brachte ich Mitreisenden Yogaübungen bei und gab
ihnen einfache Unterweisungen über Mantrawiederholung (Japa)
und Meditation. Ich führte immer einen Arzneikoffer mit mir
und leistete Kranken ärztliche Hilfe.
Zu den Wallfahrtsorten,
die ich besuchte, gehören Lahore, Meerut, Srinagar in Kashmir,
Patna, Monghir, Lucknow, Gaya, Kalkutta, Ayodhya, Lakhimpur-kheri,
Bhagalpur, Ambala, Aligarh, Sitapur, Bulandshaher, Delhi, Shikohabad,
Nimsar, Mathura, Brindavan, Etawah, Mainpuri und viele andere Orte
in Nordinien. In der Provinz Andhra besuchte ich den Shanti Ashram
in den Totapalli-Bergen, die Friedensmission in Waltair sowie Rajahmundry,
Kakinada, Pithapuram und Lakshmi-narasapuram.
Auf Reisen hatte ich
immer mein Tintenfaß, Schreibfedern, Bleistifte, Nadeln, Bücher
wie das Viveka Chudamani, die Upanishaden, die Bhagavad
Gita und die Brahmasutras dabei und ein paar Briefmarken,
um dringenden Schriftverkehr erledigen zu können. Zwei Stunden
vor der Abfahrt ging ich zum Bahnhof. Statt mich überall umzuschauen,
setzte ich mich unter einen Baum und erledigte meine Schreibarbeiten.
Ich führte nie ein Adreßbuch zu dem Zweck, Anhänger
oder Freunde an wichtigen Stationen meiner Reise aufzusuchen in der
Hoffnung auf gutes Essen oder finanzielle Unterstützung. Ich
brachte die Arbeit, um deretwillen ich unterwegs war, so rasch wie
möglich zu Ende und kehrte bei der ersten sich bietenden Gelegenheit
nach Rishikesh zurück.
Ich pilgerte nach Kedarnath
und Badrinath, Tunganath und Triyuginath. Swami Balananda und Swami
Vidyasagar begleiteten mich. Ich badete kurz in den heißen
Quellen von Badri Narayan. Während der Reise sang ich Kirtan und
Bhajan und übte
geistiges Japa.
Von Kalkutta aus erreichte
ich mit einem Boot Ganga Sagar, die Mündung des Ganges in die
Bucht von Bengalen. Shrimati Maharani Surat Kumari Devi war dabei.
Dort gibt es einen kleinen Kapila-Tempel. Ich badete im Meer. Es
fand gerade eine Mela (Jahrmarkt) statt. Ich half den Pilgern, die
Leiter hinaufzusteigen.
Der
Ruf des Kailash
In den frühen Jahren
meiner spirituellen Praxis in Rishikesh beschloß ich, den Kailash
in Westtibet (heiliger Berg der Buddhisten, von den Hindus Meru genannt)
aufzusuchen. Am 12. Juni 1931 brach ich mit Seiner Heiligkeit Shri
Swami Adwaitanandaji, Shri Swami Swayam Jyoti Maharaj, Shri Brahmachari
Yogananda, Ihrer Hoheit Maharani Surat Kumari Devi von Singhali und
Shri Kedarnath, ihrem Sekretär, zu einer Pilgerfahrt an diesen
heiligen Ort auf. Wir badeten alle im Manasarovar-See und umrundeten
den Kailash. Ich ging die ganze Entfernung zu Fuß. Auf dieser
schönen Erde gibt es keinen dem Kailash vergleichbaren Ort mit
der wundervollen Schönheit seines ewigen Schnees. Die Reise
zum Kailash ist die schwierigste aller Wallfahrten. Er wird auch
Meru genannt,
der Weltenberg. Zur selben Zeit besuchte auch Seine Hoheit der Maharadschah
von Mysore den Kailash. Die Gesamtentfernung von Almora zum Kailash
beträgt ungefähr 230 Meilen. In zwei Monaten kann man leicht
hin und wieder zurückkommen. Am 22. August kehrten wir nach
Almora zurück.
Massenverbreitung
von spirituellem Wissen
Am 9. September 1950
begab ich mich auf eine tatkräftige Mission zur Verbreitung
von Wissen, indem ich eine ausgedehnte zweimonatige Reise durch ganz
Indien und Sri Lanka unternahm. Am 7. November 1950 kehrte ich nach
Rishikesh zurück. Auf dieser Reise kam ich mit Tausenden ernsthaft
spirituell Interessierten im ganzen Land in enge Berührung.
Ich freue mich von Herzen, daß der Allmächtige mir die
Gelegenheit gab, Ihm und Seinen Kindern durch diese Reise zu dienen.
Ich erinnere mich mit unermeßlicher Freude an die tiefe Frömmigkeit
der Menschen in Indien und Sri Lanka, an ihre Hochachtung gegenüber
dem Heiligen Stand des Mönchtums (Sannyasa) und an ihren
Eifer, sich Wissen über Yoga und Vedanta anzueignen.
Ich besuchte alle wichtigen
Städte und Dörfer im ganzen Land. Ich sprach an öffentlichen
Versammlungen und veranstaltete Kirtans (Mantrasingen). Ich
hielt Vorträge an Schulen, Kollegs und Universitäten über
sittliche Lebensweise und richtige Erziehung sowie bei öffentlichen
Veranstaltungen über allgemeine spirituelle Themen. Anläßlich
dieses historischen Ereignisses, der Reise durch ganz Indien und
Sri Lanka, wurden Bücher im Wert von Tausenden von Rupien kostenlos
an die Öffentlichkeit verteilt.
Ich hielt mich an meine übliche
Gewohnheit und verschwendete keine Zeit mit der Vorbereitung schöner,
weitschweifiger Reden über Yoga, Bhakti und Vedanta für
diese Anläße. Neben den Kirtans und Gesängen
gab ich praktische Unterweisungen für Sadhana (geistige Übung).
Das löste bei den Zuhörern eine wunderbare Wirkung aus.
Wenn ich in Gegenwart der Anhänger eine überschäumende
Freude in mir fühlte, verband ich den Anlaß auch mit Shiva-
und Krishnatänzen. Die Menschen waren begeistert. Selbst heute
noch wiederholen Tausende meine Lieblingslieder "Agada Bhum", "Chidananda-hum", "Pilade" und
andere. Manchmal tanzten die Leute lange in göttlicher Verzückung.
Überall wo ich hinkam,
war ich überwältigt von der Liebe der Menschen. An jeder
Station der Reise genoß ich ihre Wärme, Herzlichkeit und
Hingabe. Wieder und wieder badete ich im Meer der Hingabe der Massen
an Gott. Wieder und wieder kostete ich den Zaubertrank des Namens
Gottes, den all die Menschen mit tiefem Gefühl und Inbrunst
sangen.
Dienen bereitet mir Freude.
Ich kann keine Sekunde lang ohne Dienen leben. Auf der Reise durch
ganz Indien fand ich dafür ein ergiebiges Feld. Ich arbeitete
zwei Monate lang ohne Pause oder Erholung. Der Reisewagen, Fahrt-
und Flugpläne von Flugzeugen, Zügen, Bussen und Schiffen
schränkten die Intensität meiner Arbeit ein. Ich mußte
mich an die "Zeit" halten, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen
und hatte nicht genug Zeit für die Bedürfnisse der Anhänger.
Auf dem Rückweg
wollte ich von Bombay aus auf den Reisewagen verzichten und meine
Reise von Provinz zu Provinz fortsetzen, in jeder Stadt und in jedem
Dorf von Tür zu Tür gehen, Kirtans und Bhajans singen
und das Maha-Mrityunjaya-Mantra für die Gesundheit und
ein langes Leben der Verehrer wiederholen. Ich wollte die Botschaft
vom Göttlichen Leben persönlich jedem einzelnen
bringen.
Spirituelle
Konferenzen
Obwohl ich im Swarg Ashram
eine besondere Vorliebe für tiefe Meditation in Abgeschiedenheit
hatte, richtete ich in regelmäßigen Zeitabständen
Satsangs (Zusammensein
mit Weisen; Gruppenmeditation) in den Abendstunden ein. Ich lud die
Mahatmas (große
Meister) und Brahmacharis (enthaltsam Lebende) dazu ein. Ein
Meister aus dem Pandschab sprach dabei über Yoga-Vashishtha (Yogalehre
des Vashishtha) und das Ramayana von Tulasidas; zum Schluß leitete
ich Bhajan- und Kirtan-Singen. Gelegentlich besuchte
ich Sitapur, Lakhimpur-kheri, Meerut und andere Stätten in Uttar
Pradesh und im Pandschab, um dort abends Kirtans zu halten
und Vorlesungen mit Yoga-Vorführungen an höheren Schulen
und Kollegs zu geben. Dabei verteilte ich Merkblätter über "20
wichtige spirituelle Anweisungen" und "Die Bedeutung von Brahmacharya".
Morgens um vier Uhr führte ich gemeinsame Gebete und stille
Meditation ein und drängte alle spirituellen Anwärter,
an diesem gemeinsamen Sadhana teilzunehmen.
Ich forderte die Leute
auf, Likhita-Japa (Mantraschreiben) zu üben. In öffentlichen
Versammlungen ließ ich die Teilnehmer bewegungslos sitzen,
Mantras schreiben und während der ganzen Zeit Schweigen bewahren.
Wer am meisten Mantras leserlich geschrieben hatte erhielt ein Geschenk.
Um die Menschen zu ermutigen, schenkte ich nicht nur den Gewinnern
des Wettbewerbs spirituelle Bücher, sondern allen Anwesenden.
Verehrer brachten in der Regel sehr viele Früchte, die ich an
Ort und Stelle an die Zuhörer verteilen ließ. Am Ende
nahm ich ein wenig davon als Prasad.
Vortragsreisen
Die Veranstalter arbeiteten
gewöhnlich ein dicht gedrängtes Programm für eine
oder zwei Wochen aus. Dazu gehörten auch zwei bis drei Tage
ununterbrochenes Mantrasingen (Akhanda Kirtan). Zu meiner
Entlastung bei der Arbeit in den Außenstellen nahm ich Shri
Swami Svarupananda und Shri Swami Atmananda, zwei meiner Schüler,
mit. Der erstere übersetzte meine englischen Reden schnell und
gekonnt in Hindi, und der letztere leitete wohlklingende Bhajans
und Kirtans. Zahlreiche Flugblätter wurden zur kostenlosen
Verteilung gedruckt.
Die erste Reise dieser
Art unternahm ich 1933 nach Lakhimpur-kheri, Meerut und Hardoi. Danach
reiste ich jedes Jahr ein oder zwei Wochen im Pandschab und in Bihar.
Ich bat meine Schüler im Swarg Ashram und den Posthalter in
Rishikesh, mir keine Post nachzusenden. Während dieser Reisen
erledigte ich keinen Schriftwechsel, sondern konzentrierte mich ganz
auf die tatkräftige Verbreitung von Wissen.
Obwohl ich in Rishikesh
normalerweise einfach von trockenem Brot (Rothis) lebte, hatte
ich während dieser anstrengenden tage- und nächtelangen
Arbeit das Bedürfnis nach energiereicher Nahrung und Früchten.
Gewöhnlich hatte ich ein paar Scheiben Brot oder Kekse in der
Tasche, denn die Arbeit an verschiedenen Orten ließ mir keine
Zeit für Mahlzeiten oder Ruhepausen. Bevor ich aufbrach, versorgte
ich mich mit genügend Geld für die Rückreise. Ich
verlangte niemals Geld von den Veranstaltern für meine Ausgaben,
sondern bat sie, stattdessen eine große Anzahl von Flug- und
Merkblättern in verschiedenen Sprachen zu drucken, die dann
bei den Veranstaltungen verteilt wurden.
Die Schüler, die
mich auf diesen Reisen begleiteten, sagten immer: "Es ist eine reine
Freude, mit dem Guru Maharaj zu reisen wegen der wundervollen Behandlung,
die er einem zuteil werden läßt." Ich teilte alles mit
ihnen, was ich hatte, achtete sehr auf ihre Gesundheit und machte
sie beliebt und bekannt. Manchmal schrieb ich den Veranstaltern: "Bitte
halten Sie genug Früchte und Kekse in meinem Zimmer bereit.
Das ist mein Saguna Brahman (Gott mit Eigenschaften). Die
Mitarbeiter brauchen nahrhaftes Essen und energiereiches Obst, um
solide Arbeit leisten zu können." Bei meinem Aufenthalt in Sitapur
1934 rief ich eine Kampagne für ein medizinisches Hilfswerk
ins Leben. In den Bezirken von Andhra besuchte ich zahlreiche Dörfer
und gab den armen Dorfbewohnern Arzneien. Shri Swami Omkarji und
Schwester Sushila (Shri Ellan St. Clair Nowald) begleiteten mich.
Unfehlbare
Inspiration
In Zeiten anstrengender
Arbeit pflegte ich mich durch Japa, Meditation, tiefe Atemübungen,
Bhastrika (spezielle
Atemübung), Pranayama und Kirtan zu erholen; das
gab mir neue Energie. An vielen Orten veranstaltete ich NagarKirtans
(Singen des Namens Gottes in der Öffentlichkeit am frühen
Morgen) und Prabhat Pheri (Prozession am frühen Morgen). Wo
immer ich hinkam, war die ganze Stadt mit spirituellen Schwingungen
geladen. Die Menschen
fühlten den wunderbaren Frieden und die Kraft tagelang. Anhänger
schrieben mir oft noch nach mehreren Jahren: "Geliebter Swamiji, wir
hören noch heute, wie du das OM und das Maha-Mantra singst." Viele
Menschen wiederholen noch heute die beliebten Gesänge wie "Om
Namah Shivaya", "Chidananda-hum" und "Sita Ram Sita Ram", wenn sie
auf den Feldern arbeiten. Die Schüler in den Kollegs und Schulen
singen mein Lieblingslied "Govinda, Govinda". Die Reise brachte herrliche
und dauerhafte Ergebnisse.
Im Ashram gab es sehr
viel Arbeit, so daß ich 1938 mit den Reisen aufhörte.
Ich sandte meine Schüler in verschiedene Zentren, um spirituellen
Versammlungen bei den Zweigstellen beizuwohnen. Bei verschiedenen
Anlässen veranstalteten Anhänger aus dem Pandschab einen
Sitzstreik vor meiner Hütte und nötigten mich, ihre jährlichen
Sankirtan-Konferenzen
im Dezember in Lahore zu besuchen.
Die
kraftvolle Verwandlung der Massen
Auszüge aus Briefen,
die ich in der Zeit zwischen 1933 und 1936 schrieb, vermitteln einen
Eindruck meiner Arbeit auf den Reisen:
I. "Wenn ich reise, verströme
ich im Laufe einer Woche meine ganze Energie. Jetzt bin ich müde.
Aber die Leute bedrängen mich, Meerut zu besuchen. Es ist alles
Seine Gnade. Sein Wille geschehe. Schickt mir keine Briefe hierher.
Das würde meine Arbeit stören. Die Leute verschlingen mich
von allen Seiten. Nichts ist sicher. Wahrscheinlich kehre ich in
ein oder zwei Wochen nach Rishikesh zurück."
II. "Ich verbringe meine
Zeit damit, tagsüber interessante Vorträge zu halten und
nachts Kirtans zu singen. Ich pumpe Freude und Kraft in die
Anhänger. Ich brülle wie ein Löwe. Die Leute lassen
mich nicht eine Sekunde allein. Sitapur und Lakhimpur-kheri sind
jetzt Vaikuntha (der Wohnsitz Vishnus) auf Erden. Ich hielt Kirtan mit
3000 Menschen, ein Ereignis, wie es Lakhimpur in seiner ganzen Geschichte
noch nie erlebt hat. Heute habe ich Kirtan mit Harijans. Mit
der Kirtan-Bewegung können wir Indien umgestalten. Indien
braucht das. Eine große Erneuerung findet jetzt statt."
III. "Sagt den Veranstaltern,
daß ich jetzt leidlich mit ihnen zufrieden bin. Ein dreitägiges
ununterbrochenes Mantrasingen (Akhanda Kirtan) muß dringend
organisiert werden. Das ist der einzige wirksame, dauerhafte und
wesentliche Teil der Arbeit. Gemeinsames Mantrasingen (Sankirtan)
an verschiedenen Orten, um die ganze Atmosphäre anzuregen und
aufzuladen, ist eine andere Aufgabe. Beides ist wichtig für
den Weltfrieden. Örtliche Krawalle halten dem Namen Ramas nicht
stand. Ihr braucht keine Angst vor dem Ausgehverbot zu haben."
Arten
von Kirtan
Heute noch habe ich vor
Augen, wie Tausende aufstanden und tanzten, wenn ich Agada-Bhum-Mantras
sang. Nach jedem Bhajan und Kirtan gab ich Anleitungen
zur spirituellen Praxis (Sadhana). In Bihar machte ich Kirtan vom
Lastwagen aus. Ich fuhr mit einer Gruppe von Anhängern auf einem
offenen Lastwagen und veranstaltete von da aus Kirtans. In
Rishikesch tat ich bei verschiedenen Gelegenheiten dasselbe von einem
Boot aus.
Sehr interessant waren
auch die Gruppenkirtans. Zuerst rief ich alle Regierungsbeamte aus
der Zuhörerschaft zum Kirtan auf der Bühne auf,
dann alle Lehrer, Ärzte, Studenten, Frauen und Mädchen.
Das rief große Begeisterung hervor. Es war etwas Neues. Zuerst
zögerten die Leute und waren schüchtern. Dann spürten
sie, wie gut es ihnen tat. Nach ein paar Monaten waren sie alle treue
Kirtan-Anhänger
und gründeten Kirtan-Kreise (Mandalis) in verschiedenen
Städten.