Antwort auf deine Fragen
von Swami Krishnananda
Swami Krishnananda im Dialog mit seinen Besuchern zu verschiedenen Themen des Leben.
54. Wer ist ein Guru?
Rita: Welche Rolle hat ein Guru?
Swamiji: Wer auch immer Dich führt, ist ein Guru. Wen auch immer
Du als über Dir stehend betrachtest, von dem Du Segen und Führung
erhalten kannst, ist ein Guru. Solange bestimmte Dinge für Deinen
Verstand nicht klar sind, mußt Du natürlich jemanden aufsuchen,
der Dich führt. Wenn alles für Dich klar ist, brauchst Du
niemanden mehr aufzusuchen. Der Guru ist solange erforderlich, wie bestimmte
Dinge nicht vollständig klar sind.
Rita: Worin besteht die Beziehung zwischen dem Guru und einem Schüler?
Swamiji: Guru ist jemand, der einen Menschen in die Technik der Gott-Verwirklichung
einführt und den Schüler, so lange es erforderlich ist, stetig
führt, bis dieser in der Meditationstechnik zur Gott-Verwirklichung
selbständig fortfahren kann. Die Beziehung ist wie bei einem Lehrer
zu einem Schüler. Es gibt keine andere Beziehung.
Ein Guru ist genau genommen nicht irgend jemand, der etwas unterrichtet.
Er ist nicht nur eine Verbindung zum Lernen (von etwas). Die Verbindung
liegt im Geist, dem göttlichen Geist. Das Lernen steht erst an
zweiter Stelle. Du magst lernen oder auch nicht; das ist eine andere
Sache, doch der Geist muß darin enthalten sein. Aus diesem Grunde
ist derjenige ein Guru, der Dich bis zu dem Zeitpunkt führen kann,
wo eine solche Führung nicht mehr erforderlich ist.
Ein Guru kann nicht gewechselt werden. Wenn man einmal seinen geistigen
Führer gewählt hat, bleibt er es immer. Man kann die Führung
nicht von Zeit zu Zeit wechseln.
Rita: Steht die Wahl eines Gurus in Beziehung zu einer Verbindung aus
der Vergangenheit?
Swamiji: Jeder Kontakt hat seine Verbindung zur Vergangenheit, nicht
nur zu einem Guru, sondern zu allem. Die Vergangenheit bestimmt die
gegenwärtigen Verbindungen und das gilt für alle Arten von
Kontakten.
Rita: Was geschieht, wenn der Guru seinen Körper aufgibt? Verbleibt
eine Art von Individualität oder löst er sich einfach im Universum
auf?
Swamiji: Wenn er seine Individualität beibehalten möchte,
dann mag er eine Wiedergeburt annehmen. Wenn er jedoch keine Wiedergeburt
annimmt, ist keine Individualität mehr vorhanden und die Beziehungen
lösen sich ebenfalls auf. Es handelt sich ausschließlich
um eine Beziehung mit Gott, mit DEM er verschmolzen ist. Doch, wenn
er seine Individualität bewahrt hat, kann natürlich die Beziehung
fortgesetzt werden.
Man kann grundsätzlich keine Beziehung mit dem Absoluten haben.
Das ist nicht möglich, es sei denn, man verschmilzt selbst im Absoluten.
Wenn der Guru im Absoluten verschmilzt, gibt es keine Beziehung mehr.
Man kann nichts zurück behalten. Dies ist eine andere Form der
Beschreibung davon, daß es sich um eine Beziehung mit Gott handelt.
Doch wenn man an seiner Individualität festhält, wird sich
die Beziehung fortsetzen. Sie wird sich selbst in der nächsten
Geburt fortsetzen. Wenn es jedoch keine Individualität oder Persönlichkeit
mehr gibt, ist auch keine Beziehung mehr möglich, denn man kann
keine Beziehung zum Absoluten haben. Nur außerhalb dieser Ebene
sind Beziehungen möglich.
Rita: Wenn sich jemand immer noch auf der persönlichen Ebene befindet....
Swamiji: Dann wird sich die Beziehung selbst in der nächsten Geburt
fortsetzen. Ob die Person lebt oder tot ist, das ist eine andere Sache.
Die Beziehung wird sich fortsetzen. Wenn an einer Beziehung in diesem
Leben festgehalten wird, wird sie im nächsten Leben fortgesetzt
werden; doch, wenn die Beziehung aus irgendeinem Grunde zerbricht, dann
wird sie nicht fortgesetzt. Wenn sie sich in diesem Leben fortsetzt,
wird sie sich auch im nächsten Leben fortsetzen. Wenn sie aus irgendeinem
Grunde in diesem Leben aufgehört hat, dann wird sie natürlich
im nächsten Leben nicht fortgesetzt.
Rita: Swamiji, mir ist das nicht klar. Wenn sich ein Suchender noch
auf der persönlichen Ebene befindet und der Guru ist mit dem Absoluten
verschmolzen, was geschieht dann?
Swamiji: Dann ist kein Kontakt mehr mit diesem Menschen (Guru) möglich.
Er ist überhaupt kein Mensch mehr. Ein Kontakt ist unmöglich.
Dann muß man mit dem Absoluten Kontakt aufnehmen; das ist alles.
Oder man muß sich einen anderen Guru suchen, oder Gott Selbst
als Guru annehmen, denn der Kontakt mit dem Guru ist eine andere Art
von Kontakt mit Gott. Warum sprichst Du also von Guru und all dem? Es
handelt sich nur um Gott. Jemand, der in Gott verschmolzen ist, ist
Gott allein und nicht mehr länger ein Guru. Er ist keine Person
mehr und somit auch kein Guru. Er ist Universales Sein und darum kann
man auch nicht an einer persönlichen Beziehung festhalten. Ansonsten
ist eine Beziehung nur in niedrigeren Ebenen möglich.
Rita: Woher weiß man, ob der Guru im Absoluten verschmolzen ist.
Swamiji: Man weiß es nicht; das ist nicht möglich. Man muß
einfach daran festhalten, daß er nicht im Absoluten verschmolzen
ist, wodurch die psychologische Beziehung erhalten bleibt. Gott segnet
Dich dafür auf seine Weise. Viele Suchende betrachten Gott als
eine Person, was auch auf irgendeine mysteriöse Weise funktioniert.
Obgleich Gott in Wirklichkeit keine Person ist, kann man IHN als solche
anrufen, so daß ER, entsprechend der individuellen Gefühle
des Rufers, als Person antwortet.
Sean: Wenn sich der Guru nicht in Gott verwandeln kann, dann muß
er Gott selbst sein?
Swamiji: Warum nur ER? Jeder ist das. Du selbst bist wesenhaft Gott
allein.
Sean: Darum ist die Beziehung zum Guru eine Beziehung zu Gott und ändert
sich nicht, wenn der Guru seinen Körper verläßt?
Swamiji: Man kann keine Beziehung zu Gott haben, da ER unpersönlich
ist, es sei denn, man betrachtet IHN als eine Person. So etwas wie unpersönliche
Beziehungen gibt es nicht, denn unpersönlich bedeutet „nicht-außerhalb“.
Wenn es „nicht-außerhalb“ ist, gibt es auch keine
Beziehung.
Sean: Dann befindet sich also der Guru innerhalb eines jeden?
Swamiji: Warum sagst Du „innerhalb“? Er befindet sich überall.
Ein amerikanischer Besucher: Swamiji, in den USA gibt es eine Bewegung,
die sagt, daß sich der Guru innerhalb eines jeden Menschen befindet,
weshalb man nicht nach einem Guru zu suchen braucht.
Swamiji: Dies ist eine sehr voreilige Bemerkung von Leuten, die die
Wichtigkeit der Situation nicht verstanden haben. Wenn der Guru sich
innerhalb eines jeden Menschen befindet, so muß sich auch die
Welt innerhalb befinden, und warum reist Du dann von einem Ort zum anderen?
Es kann sich nicht nur eine Sache innerhalb befinden und die anderen
Sachen draußen bleiben. Es kann sein, daß der Guru sich
in gewissem Sinne innerhalb befindet, doch er befindet sich auch außerhalb.
Warum besuchen die Menschen Hochschulen und Universitäten, wenn
sich die Universität im Herzen befindet? Kann man nicht alle Hochschulen
und Universitäten in der Welt schließen, weil sie sich ja
im Herzen befinden? Sie befinden sich in gewissem Sinne innerhalb, doch
das kann man nicht wörtlich nehmen. Es gibt Verständnisschwierigkeiten
bei den Grundproblemen des Lebens, die eine Führung erforderlich
machen.
Man geht zu einem Wissenschaftler, um Wissenschaft, und zu einem Philosophen,
um Philosophie zu lernen. Jede Kunst und Wissenschaft bedarf einer Führung
durch jemanden, der Experte auf diesem Gebiet ist; sonst könnte
man sich ein Buch kaufen und ausschließlich durch das Lesen des
Buches Fahrer, Ingenieur oder Astronaut werden, doch das ist unangemessen.
Am Anfang bedarf es der Führung durch einen kompetenten Menschen.
Später, in einem fortgeschrittenen Stadium, mag man eigenständig
werden, doch anfänglich bedarf es der persönlichen Führung,
sonst kommt man von rechten Wege ab.
Amerikanischer Besucher: Swamiji, ein Problem liegt darin, daß
viele Menschen im Westen dazu neigen, unabhängig und frei zu denken.
Sie wünschen es nicht, sich einer solchen Disziplin zu unterziehen.
Swamiji: Man muß verstehen, was mit „freiem Denken“
gemeint ist. Bedeutet es, zu denken, was man möchte, oder richtet
sich das Denken nicht eher nach irgendeinem System oder einer Disziplin?
Falls nicht, warum dann überhaupt denken? Dann kann man das Denken
auch lassen. Es wird sonst nur zu einer ziellosen Bewegung des Verstandes
werden. Freiheit und Erlaubnis sind (wie Fahren und Fahrerlaubnis) zwei
verschiedene Dinge. Wir mögen zwar die Freiheit haben, doch ohne
Erlaubnis.
Die Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen umgehen, ist auch eine
Art Disziplin. Wenn wir uns auf irgendeine Weise benehmen, wie wir es
wollen, dann zerbröckelt eines Tages die Gesellschaft. Selbst die
soziale Existenz würde ohne Verhaltensregeln unmöglich. Wenn
wir uns auf irgendeine, uns angenehme Weise verhalten, werden sich andere
ebenfalls auf ihre eigene Weise darstellen wollen. Dies nennt man Rebellion
und nicht Gesellschaft.
Wir können nicht frei sein, wenn wir nicht ein wenig von unserer
Freiheit aus Rücksicht auf die Freiheit anderer Menschen beschneiden.
Die Freiheit, die wir anderen gewähren, begrenzt im selben Maße
unsere eigene Freiheit, was nur durch Disziplin möglich ist. Wir
können nicht die ganze Freiheit für uns selbst in Anspruch
nehmen und anderen Menschen keinen Freiraum gewähren. Die Menschen
sollten vernünftiger denken und nicht so hastige Aussagen machen.
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