Antwort auf deine Fragen
von Swami Krishnananda
Swami Krishnananda im Dialog mit seinen Besuchern zu verschiedenen Themen des Leben.
35. Aktivitäten nach der Erleuchtung:
Besucher: Es gibt Lehrer, die, trotz scheinbarer Erleuchtung dennoch
in weltliche Aktivitäten verwickelt sind.
Swamiji: Entweder sind sie nicht wirklich darin verwickelt und Du hast
lediglich eine falsche Vorstellung über sie, oder sie sind nicht
erleuchtet. Eins von beiden ist möglich. Entweder beurteilst Du
sie falsch, obwohl sie wirklich erleuchtet sind, oder sie sind es nicht.
Es gibt nur diese beiden Betrachtungsmöglichkeiten.
Besucher: Kann eine erleuchtete Person etwas Schlechtes tun?
Swamiji: Unser Leben muß korrekt ausgerichtet sein. Was verstehst
Du unter gut und was unter schlecht?, Dies muß dem Verstand zuerst
klar sein, bevor man irgend etwas beurteilt. Die Idee von gut und schlecht
mag durch bestimmte abgrenzende Faktoren hervorgerufen worden sein.
Vielleicht fehlt auch die kosmische Sichtweise der Dinge. Darum kann
möglicherweise unsere Beurteilung bruchstückhaft und unvollständig
sein. Dies ist ein Aspekt der Angelegenheit.
Besucher: Kann jemand seine Erleuchtung wieder verlieren? Kann sie
verlorengehen?
Swamiji: Jemand, der wirklich erleuchtet ist, kann nicht fallen. Das
wäre genauso, als würde man sagen, daß jemand der erwacht
ist, wieder schlafen will. Möchtest Du wieder schlafen, wenn Du
bereits erwacht bist? Das ist unmöglich, weil Du bereits erwacht
bist. Wenn Du wieder schlafen möchtest, bedeutet es, daß
Du nicht vollständig erwacht bist. Du schläfst immer noch
halb. Du mußt herausfinden, was Du unter „Erleuchtung“
verstehst. Es ist wie ein Erwachen aus dem Schlaf. Du hast gefragt,
ob jemand, der erwacht ist, wieder schlafen kann. Warum sollte er schlafen
wollen? Er ist bereits erwacht, denn ansonsten wäre er nicht vollkommen
erwacht, sondern würde noch halbwegs schlummern.
Besucher: Was bedeutet Tugendhaftigkeit?
Swamiji: Du mußt Schüler eines Gurus werden und dort die
Tugenden lernen, denn selbst ein kluger Mensch kann dies nicht verstehen.
Es gibt viele politische und gesellschaftliche Definitionen dafür.
Alles, was gut für Dein Land ist, ist auch moralisch richtig, nicht
wahr? Dies ist eine Erklärung und doch ist es nicht die ganze Wahrheit.
Alles, was gut für Deine Familie ist, ist gut und tugendhaft,
und dennoch ist auch dies nicht die ganze Wahrheit. Alles, was gut für
Deine kleine Familie ist, muß noch lange nicht für die ganze
Nation gut sein, und darum ist Deine Tugendhaftigkeit an dieser Stelle
eingeschränkt. Alles, was für ein Land gut ist, braucht nicht
für die ganze Welt gut zu sein und darum ist die Ethik auch hier
eingeschränkt. Was verstehst Du also unter „Tugendhaftigkeit“?
Man muß es im Zusammenhang beurteilen.
Es verhält sich wie bei der Medizin. Was verstehst Du unter „Medizin“?
Wenn man nicht weiß, um welche Krankheit es sich handelt, kann
man auch nicht die richtige Medizin zur Heilung dieser Krankheit benennen.
Wenn man Medizin verschrieben haben möchte, wird man nach den Symptomen
der Krankheit befragt. Nur dann wird eine Medizin verschrieben. Das
ist der Grund, warum die Tugendhaftigkeit von den Umständen der
physischen, intellektuellen, gesellschaftlichen, psychologischen und
politischen Existenz abhängt und darum kann diese Frage auch nicht
ohne Umschweife beantwortet werden. Wir können auf solche Fragen
keine direkten Antworten geben. Alles hat seine Abhängigkeiten
und Beziehungen.
Angenommen, jemand fragt: „Ist es gut, die Hand eines Menschen
abzuschneiden?“ Du wirst antworten, daß es schlecht ist,-
doch angenommen, Du bist ein Chirurg und würdest die Hand einer
Person amputieren. Ist das gut? Ist das Abschneiden einer Hand gut oder
schlecht? Auch hier steht die Frage wiederum einen Bezug. Darum ergeben
sich auf alle Fragen relative Antworten, und man findet die richtige
Antwort nur, wenn man die Bedingungen, Umstände und besonderen
Situationen kennt.
Letztendlich kann nur das als gut bezeichnet werden, was Dir hilft,
Gott direkt oder indirekt zu erreichen. Es kann nur das als gut bezeichnet
werden, was vielleicht nicht unmittelbar, aber dennoch indirekt nützlich
ist. Man muß selbst beurteilen, ob es letztendlich wenigstens
indirekt dazu hilft, das Absolute zu erreichen? Dann ist es vollkommen
richtig - es ist nichts Falsches daran.
Man sagt, daß es einem Mensch, der sich kurz vor dem Hungertod
befindet erlaubt ist, Nahrung zu stehlen, obwohl man nicht behaupten
kann, daß Stehlen gut ist. Angenommen, man schleicht sich leise
hinter einen Wahnsinnigen, der ein Schwert in seinen Händen schwingt
und stiehlt ihm das Schwert aus den Händen. War das eine gute oder
eine schlechte Tat? Stehlen ist also nicht immer etwas Schlechtes und
man kann nicht jede Frage nach einem endgültigen Schema beantworten,
denn alles hat seine Beziehungen und Vorbedingungen.
Das Trinken von Branntwein ist sehr schlecht, aber, angenommen, jemand
fällt vom Baum und wird bewußtlos. Man träufelt ihm
einen Löffel Branntwein in den Mund, wovon er wieder aufwachen
wird. Ist das Trinken von Branntwein nun gut oder schlecht? Auch hier
kommt es auf die Situation an. Jede Frage muß in dieser Hinsicht
sorgfältig gestellt werden, was auch für die Antwort gilt.
Besucher: Swamiji, würdest Du sagen, daß alles, was eine
schädliche Wirkung auf andere Menschen hat, als unmoralisch anzusehen
ist?
Swamiji: Es hat nichts mit „anderen“ Leuten zu tun, sondern
mit den Leuten im allgemeinen, weil Du ebenfalls „andere Leute“
für die anderen Leute bist. Für Menschen, die anders sind
als Du, bist Du ein „anderer Mensch“. Was verstehst Du denn
unter „andere Leute“? Es gibt keine „anderen Leute“
in der Welt. Alle sind im Verhältnis zueinander gleich. Wenn Du
für mich ein „anderer“ bist und ich für Dich ebenfalls
ein „anderer“ bin, wenn man also stets von „anderen
Leuten“ spricht, - wer sind dann diese „anderen“ Leute?
Es wird nur noch nur „andere Leute“ geben. Was sagst Du
dazu?
Benutze die Wörter sehr sorgfältig. Jeder ist unter „andere
Leute“ zu verstehen, auch Du, denn Du bist auch in den „anderen
Leuten“ eingeschlossen. Darum ist alles Gute für jeden gut.
Sag niemals „andere Leute“. Alles, was für jeden gut
ist, ist schön, und Du mußt Dir mit aller Sorgfalt ein Urteil
darüber bilden, was für jeden gut ist.
Das Beste ist wohl, nicht vorschnell zu urteilen. Ein weises Wort sagt:
„Urteile nicht, damit Du nicht verurteilst wirst.“ Man wird
auf dieselbe Art beurteilt, wie man andere beurteilt. Die Welt ist auf
diese Weise gemacht. Was auch immer Du von anderen Leuten denkst, denken
diese Leute über Dich, und was auch immer Du anderen Leuten antust,
wird Dir selbst widerfahren. Darum „gehe so mit den anderen Menschen
um, wie Du es wünscht, daß sie mit Dir umgehen“. Dies
ist höchste Tugendhaftigkeit. Wenn man wissen möchte, was
tugendhaft bedeutet, kann man diesen einen Satz sagen: „Verhalte
Dich anderen Menschen gegenüber so, wie Du es wünscht, daß
sie sich Dir gegenüber verhalten sollen.“ Das ist alles.
Besucher: Wie verhält es sich mit Ritualen?
Swamiji: Vorstellungen, Idole, Bilder, Porträts oder was auch
immer, sind so gut, wie alles andere auch. So wie jedes Teil mit dem
Ganzen organisch verbunden ist, kann man über jedes Teil mit dem
Ganzen in Verbindung treten. Das Verehren Gottes durch Rituale ist gleichbedeutend
mit dem Versuch, mit IHM anhand von sichtbaren Offenbarungen in Verbindung
zu treten. Dies ist eine Stufe der Religion oder Spiritualität.
Aber, wenn der Verstand weit genug entwickelt ist, um das vollkommene
Ganze zu erfassen, gibt es keine Notwendigkeit mehr, sich mit den Teilen
zu beschäftigen. Man kann das Ganze mit einem Schlag erfassen;
- ansonsten ist es jedoch besser, langsam, Stufe für Stufe, vorzugehen,
worin auch die Bedeutung der Rituale auf dem Weg der Erleuchtung zu
finden ist.
Besucher: Was geschieht nach der Erleuchtung?
Swamiji: Bedeutet „nach der Erleuchtung“, nach dem Erreichen
Gottes? Ist es das, was Du meinst?
Besucher: Richtig. Nachdem man das Selbst erreicht hat.
Swamiji: Nein, nein, geh’ langsam voran. Hast Du Gott oder das
Selbst erreicht? Was möchtest Du verwirklichen?
Besucher: Gott, - das Selbst mit dem großen „S“.
Swamiji: Nun was wird nach der Verwirklichung Gottes geschehen?
Besucher: Wie ist die Beziehung zur Praxis, nachdem man Gott erreicht
hat?
Swamiji: Was wird tatsächlich geschehen, wenn man Gott erreicht
hat. In welcher Verfassung befindet man sich im Zustand der Gott-Verwirklichung?
Was wird tatsächlich geschehen? Hast Du eine Vorstellung davon?
Besucher: Es ist keinesfalls so, als hätte man irgend etwas erreicht.
Swamiji: Was wird geschehen, wenn Du Gott erreichst?
Besucher: Dann gibt es nichts anderes mehr. Alles ist Leere oder Fülle.
Swamiji: Es gibt nichts anderes.
Besucher: Richtig.
Swamiji: Und Du wirst nur Dich Selbst sehen. Es wird sich keine Frage
mehr ergeben, wenn Du nur Dich Selbst siehst, denn wer will die Fragen
dann stellen? An wen? Du stellst nur deshalb eine Frage, weil Du jemand
anderen siehst, doch Du hast bereits gesagt, daß es niemanden
„anderen“ mehr gibt. Wen also willst Du befragen? Die Fragen
hören auf. Du wirst dort dasselbe tun wie Gott, und, was macht
Gott gerade im Augenblick? Was auch immer es sein mag, das wirst Du
tun. Solange immer noch ein kleiner psychologischer Abstand zwischen
Dir und Gott bleibt, ergeben sich Fragen. Wenn Du tatsächlich mit
Gott vereint bist, ergeben sich solche Fragen wie diese nicht mehr.
Du hast bereits darauf bestanden, daß es dann nichts anderes mehr
gibt. Was wird geschehen und was wirst Du tun, nachdem Du Gott erreicht
hast? Du wirst genau das gleiche tun, was Gott tut. Sag’ mir,
was Gott macht.
Besucher: Alles.
Swamiji: Dann wirst Du das gleiche tun.
Besucher: Wenn sich ein Fluß mit dem Ozean vereint, - könnte
das eine andere Analogie sein?
Swamiji: Solange sich der Fluß nicht tatsächlich mit dem
Ozean vereinigen würde, könnte er es gar nicht verstehen.
Wir sprechen über eine Bedingung, die Du noch nicht erreicht hast.
Darum ergeben sich auch diese Fragen. Solange Du diesen Zustand nicht
erreicht hast, hört es sich so an, als ob ein schlafender Mann
fragen würde, was er tun sollte, wenn er erwacht. Wenn man aufgewacht
ist, weiß man, was zu tun ist. Warum fragst Du? Doch nur, weil
Du noch nicht erwacht bist. Wenn man einmal erwacht ist, ist dies für
den Verstand klar und man kennt seine Pflichten. Wenn man das Absolute
Sein erreicht hat, wird man sich genauso wie das Absolute Sein verhalten.
Es liegt in Deinem Ermessen, was ES tut. Du wirst das Gleiche tun, weil
Du mit IHM untrennbar verbunden bist.
Die Frage war: „Was macht der Fluß, wenn er sich mit dem
Ozean vereinigt?“ Er wird tun, was der Ozean tut. Er wird sich
dann nicht mehr wie der Fluß verhalten, sondern er wird sich wie
der Ozean verhalten, und es gibt im Ozean keinen Fluß mehr. Im
Ozean gibt es keinen Ganges, Yamuna, Mississippi, Wolga oder Amazonas
mehr, sondern nur noch den Ozean. Man findet im Ozean keinen Amazonas,
Mississippi usw. und doch sind sie dort. Genauso wird man dort sein
und wird doch nichts sehen, denn alles wird Ozean sein. So wird es geschehen
und Du wirst dasselbe wie der Ozean tun.
Es ist eine große Freude, nicht wahr? Es reinigt den Verstand
und befriedigt die Seele. Allein vom Hören, fühlt man sich
stark und gesund. Was sagst Du dazu? Darum ist SATSANGA notwendig. SATSANGA
heilt, - selbst der bloße Gedanke an die Gemeinschaft mit Weisen
und Heiligen heilt.
Besucher: Bevor ich meinen jetzigen Lehrer traf, habe ich bei einem
anderen Lehrer viele Erfahrungen durch bestimmte Rituale usw. sammeln
können. Nachdem ich bei meinem jetzigen Lehrer Erleuchtung erfahren
durfte, verschwand das Bedürfnis vollständig, diese Dinge
weiterhin zu praktizieren. Es war so, als wäre es überhaupt
nicht mehr notwendig.
Swamiji: Wenn Du das Universelle Absolute erreicht hast, gibt es keine
Notwendigkeiten mehr. Es gibt dann keine Notwendigkeiten mehr, weil
es niemanden mehr gibt, der sie ausführen könnte.
Besucher: Richtig.
Swamiji: Darum kann sich auch eine solche Frage nicht mehr ergeben.
Man braucht nichts mehr zu tun, denn wer ist es, der etwas tun könnte?
Handlung ist eine Manipulation des Individuums in bezug auf seine externen
Beziehungen, doch diese externen Beziehungen hören dort auf. Alles
löst sich in die Vollkommene Universalität auf. Wenn es nichts
Außenstehendes mehr gibt, dann gibt es auch keinen Handlungsbedarf
mehr.
Besucher: Darum wundere ich mich, warum irgend jemand nach der Erleuchtung
noch irgendwelche Rituale ausübt.
Swamiji: Irgend jemand, der erleuchtet ist, wird irgend etwas tun,
- was soll die Frage?
Besucher: Warum sollte jemand nach der Erleuchtung Rituale usw. ausüben?
Swamiji: Es hängt alles davon ab, was man unter Erleuchtung versteht.
Wenn Erleuchtung „Vereinigung mit dem Absoluten“ bedeutet,
gibt es danach keine Frage mehr über irgendwelche Handlungen, denn
die Frage erübrigt sich von selbst. Aber, wenn man unter Erleuchtung
irgend etwas anderes versteht, dann muß man zunächst definieren,
was man unter Erleuchtung versteht. Wenn man in der Erleuchtung die
Individualität als Herr Soundso aufrechterhält, dann wird
man, - trotz der Erleuchtung, durch das Gesetz der biologischen Existenz
zu Handlungen gezwungen. Man wird sich hungrig und durstig fühlen,
man möchte schlafen, reisen und sprechen. Dies sind alles nur Rituale.
Man wird es aber nur so lange tun, wie man im Körper existiert
und sich dessen bewußt ist.
Wenn aber Erleuchtung die Vereinigung mit dem Universellen Sein bedeutet,
stellt sich diese Frage nicht mehr. Man existiert dann überhaupt
nicht und somit gibt es auch kein Handeln; denn, - was willst Du dann
tun? Du bist nur „Sein“ und nicht „Handeln“.
Gott ist „Reines Sein“ und keine „Handlung“.
Im Sanskrit nennen wir diesen Zustand Sat-Chit-Ananda, - Existenz-Bewußtsein-Glückseligkeit.
Das ist die Natur Gottes, - Reine Existenz, Reines Bewußtsein
und Reine Glückseligkeit. Dies ist das Wesen Gottes.
Besucher: Nachdem man die Vereinigung mit dem Absoluten verwirklicht
hat, kann es da noch etwas geben, das nicht im Sinne der tiefen Ergebenheit
zu IHM im Einklang mit aufrichtiger Verwirklichung lebt?
Swamiji: Wenn man einmal mit IHM vereint ist, existiert man als diese
Person nicht mehr. Fragen haben dann keine Bedeutung mehr. Man existiert
überhaupt nicht mehr, denn man wird EINS mit dem Meer der Universellen
Kräfte und stellt danach auch keine solchen Fragen mehr. Die Fragen
erheben sich nach der Erleuchtung nur aufgrund des beharrlichen Fortfahrens
der Individualität. Doch Erleuchtung bedeutet Vereinigung mit dem
Universalen. Die Persönlichkeit hört auf zu existieren und
es müssen keinerlei Fragen mehr gestellt werden, wenn die Person
selbst nicht mehr da ist. Welche Frage stellt sich dann noch? Darum
fahre nach der Vereinigung mit IHM nicht mit der Dualität fort.
Man sollte nicht daran festhalten, daß man sich immer noch außerhalb
von IHM befindet.
Nur, wenn man sich außerhalb von IHM befindet, erheben sich Fragen.
Auf dem Weg oder im Prozeß der Selbstverwirklichung mag es Schwierigkeiten
dieser Art geben. Aber es gibt kein Problem mehr, wenn man IHN tatsächlich
einmal berührt hat. Auf dem Weg gibt es Probleme und zwar eine
Vielzahl unterschiedlicher Probleme. Man wird hunderten von Schwierigkeiten
begegnen. Viele davon kann man sich nicht einmal vorstellen; ungeahnte
Probleme können sich ergeben.
Man muß die Lebensbeschreibungen der Heiligen lesen und deren
Probleme, denen sie gegenüber standen und die Stufen, die sie dabei
zu durchlaufen hatten. Denken wir beispielsweise an Buddha - man muß
über das Leben Buddhas gelesen haben. Hierzu gebe ich eins von
vielen Beispielen. ER versuchte viele Wege der Erleuchtung. Zuerst ging
er zu einem Guru, der ihn in physischen Übungen - Asanas und Pranayamas
usw. - unterwies. Er übte eifrig, aber nichts geschah. Die Erleuchtung
kam nicht. Dann begann er zu fasten: „Laß mich nichts essen.
Ich will hier sitzen, bis die Knochen hinwegschmelzen, doch ich werde
nicht von diesem Platz weichen.“ Er nahm nichts zu sich und sein
Körper begann so zu verwelken, als ob er kurz vor dem Zusammenbruch
und am Ende wäre. Er hatte sogar nicht einmal mehr die Kraft zu
kriechen. Er fühlte, daß all sein Bemühen verschenkte
Zeit und ein wertloses Unterfangen war, denn nichts geschah: „Dies
ist mein letzter Tag.“ Zu diesem Zeitpunkt kam eine Dame des Weges,
brachte Ihm etwas Haferschleim und gab ihm zu essen. Er hatte einige
Freunde, die ihn essen sahen, und sie glaubten, daß er aufgegeben
hätte. „Oh, Du hast gegessen! Das ist nicht gut, wir werden
Dich darum verlassen und besser gehen.“
Er sagte: „Gut, Ihr könnt gehen.“ Weder sie noch Buddha
hatten damals verstanden, was wirklich gut ist, - Fasten oder Essen.
Wie auch immer, er nahm Essen zu sich und kam ein wenig zu Kräften,
aber er war sehr niedergeschlagen. „Was ist los? Nichts geschieht,
- keine Erleuchtung; ich bin in derselben Verfassung wie zuvor“,
- und er setzte seine Sitzungen fort.
Plötzlich sah er seine eigene Frau vor sich, die er verlassen
hatte. Sie hatte ein kleines Kind auf dem Schoß: „Mein Gebieter,
Du hast mich verlassen und bist hierher gegangen. Warum bist Du so grausam?“
Er sagte: „Wie ist diese Frau hierher gekommen?“ Er war
weit weg unter einem Baum in einem Wald und der Palast dieser Frau war
irgendwo anders. „Oh, es ist eine Illusion!“ sprach er zu
sich selbst, „Meine Wünsche offenbaren sich selbst in Form
dieses Individuellen. Geht hinweg von hier!“ sagte er.
Es war wirklich grausam, denn sie saß vor ihm und weinte: „Oh,
mein Gebieter, Du hast mich verlassen.“
Er sagte: „Nein, nein, nein. Hinfort mit Dir! Du bist eine Illusion.
Du willst mich auf die Probe stellen!“ Wie auch immer, die Vision
verschwand danach und er saß wieder wie zuvor.
Edwin Arnold hat ein Gedicht unter der Überschrift „Light
of Asia“ (Lichter Asiens) geschrieben. Ich weiß nicht, ob
Du das Buch gelesen hast. „Light of Asia“ ist eine poetische
Biographie über Buddha, die von einem gelehrigen Schüler geschrieben
wurde. In einem Kapital beschreibt er die psychologischen Qualen, denen
sich Buddha unterziehen mußte. Engel stiegen vom Himmel herab
und suchten ihn mit tausenderlei Versuchungen, wie Tanz, Musik und Nektar,
heim. Sie sagten: „All das gehört Dir. Komm Meister, Du hast
die Erleuchtung erreicht! Hör auf zu meditieren, denn hier fließt
der Fluß aus Nektar, hier ist der Pool voller Honig, hier sind
die dienenden Mädchen und Paläste; Du bist der König
der Götter, komm!“
„Geht weg von hier!“ sagte Buddha: „Ihr wollt mich
mit all den Tänzen usw. in Versuchung führen. Nein! Ich will
das nicht.“ Nachdem er darauf beharrte, daß sie verschwinden
sollten, lösten sich die Visionen auf.
Doch dann begann eine noch grausamere Vision: „Was glaubst Du
eigentlich, wer Du bist? Wir zermalmen Dich jetzt zu Staub. Wir werden
Dich verprügeln! Steh von Deinem Platz auf! Du bist ein Idiot!“
Dämonen kamen und begannen so mit ihm zu sprechen.
Er sagte: „Was soll das? Zuerst kamen jene Visionen und nun diese.
Sprecht nicht zu mir! Ihr könnt mich zu Staub zermalmen oder mich
verprügeln. Ich werde nicht mit Euch sprechen.“ Er blieb
ruhig und setzte seine Meditation fort. Daraufhin verschwand die Vision.
Dann kamen starke Winde auf, Tornados und Zyklone mit Schlamm und einem
Hagelsturm und prasselten auf seinen Kopf nieder. In Wirklichkeit war
dies kein physikalischer Hagelsturm. Es war dies eine psychologische
Welt, die sich selbst offenbarte, bevor der Unrat des Verstandes hinausgeworfen
wurde. Wenn man den Fußboden reinigt, fliegt der ganze Staub hoch
und verdeckt die Sicht, - dennoch ist es ein Reinigungsprozeß.
Selbst dann dachte er bei sich selbst: „Nichts ist geschehen.
Ich habe keine Erleuchtung oder sonst irgend etwas erfahren.“
Als er sich an jenem Tag in dieser schwierigen Situation und in einem
Zustand der Verzweiflung fühlte, eröffnete sich ihm mitten
in der Nacht das Licht und er wurde erleuchtet.
Ich habe nun erwähnt, welche Schwierigkeiten die spirituell Suchenden
durchstehen müssen. Es ist kein leichter und einfacher Weg. Es
ist ein harter und schwieriger Job, den Verstand zu kontrollieren. Der
Verstand kann nicht beherrscht und fortdauernd auf irgend etwas Bestimmtes
konzentriert werden. Er ist auf zwanzig verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig
und springt dabei von einer zur anderen. Wenn man über irgend etwas
nachdenken möchte, kommt automatisch etwas anderes hinzu. Dies
sind die Schwierigkeiten in der Yogapraxis. Selbst an Gott zu denken
ist dann unmöglich, denn wenn man an Gott denkt, kommt stets auch
eine Idee über den Markplatz, eine Reise, die Eisenbahn oder sonst
irgend etwas Hinderliches dazwischen.
Monate und Jahre der Praxis, der Zähigkeit und der außergewöhnlichen
Härte im Versuch der beständigen Konzentration des Verstandes
auf die eine Sache und ein vollkommenes Vertrauen darin, daß man,
wenn man ES bekommt, alles bekommen wird, ist notwendig. Darum erzähle
dem Verstand: „Oh Du dummer Verstand! Warum eilst Du hierhin und
dorthin? Wenn Du ES erreichst, bekommst Du alles, also, was soll gut
daran sein, dem kleinen Flitterkram hier und dort hinterherzulaufen?“
Erzähl’ dies immer wieder Deinem Verstand.
Der Verstand fühlt, daß er alles verliert, wenn er zu Gott
geht. Alle Freunde, Verwandte, Geld, Werte und guten Dinge verschwinden.
Es mag sich zwar so anfühlen, aber es ist nicht das Ergebnis wirklicher
Konzentration. Sag’ ihm: „Nein, es ist nicht so, denn das,
was Du sieht, ist nur ein Schatten und die Wirklichkeit ist irgendwo
anders. Wenn die Schatten so anziehend auf Dich wirken, wie verhält
es sich dann mit der Wirklichkeit? Diese Schatten sind in das Ziel Deiner
Meditation eingeschlossen, so daß Du überhaupt nichts verlierst,
vielmehr alles bekommen wirst.“
Sag’ dem Verstand, daß es einen Weg gibt, ihn (sich selbst)
zu kontrollieren. Sprich mit dem Verstand, wie man mit einem kleinen
Kind spricht, „schrei’ nicht, schrei’ nicht!“
- ansonsten wird er nicht zuhören. Selbst Kinder hören nicht
zu, denn sie sind sehr ungezogen. Dies waren nun einige interessante
Dinge auf dem spirituellen Weg, der sehr gewagt ist und viel Zeit in
Anspruch nimmt; doch das ist die Anstrengung wert, denn letztendlich
ist dies die einzig lohnenswerte Sache, die es zu befolgen gilt. Was
sagst Du dazu?
Besucher: Du hast früher gesagt, daß es nach der Erleuchtung
keine externen Beziehungen mehr gibt? Ist das richtig? Könntest
Du mehr darüber sagen?
Swamiji: Welche Erklärung? Was ich Dir gesagt habe ist klar genug.
Ich denke, daß die Botschaft sehr klar ist. Welche Schwierigkeiten
hast Du, sie zu verstehen?
Besucher: Ich wundere mich darüber, wie Leute nach der Erleuchtung
zusammenleben können.
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