Antwort auf deine Fragen
von Swami Krishnananda
Swami Krishnananda im Dialog mit seinen Besuchern zu verschiedenen Themen des Leben.
20. Wie man sich Gott vorstellt
Schwedischer Besucher A.: Sind Intelligenz und Güte wirklich nur
enge, auf den Menschen beschränkte Vorstellungen? Woher weiß
man, daß Gott eine Person oder Persönlichkeit ist, oder daß
ER persönliche Qualitäten hat?
Swamiji: Du möchtest wissen, ob Gott eine Person ist oder nicht?
Du mußt wissen, daß dies für das Theologiestudium aller
Religionen eine ziemlich bedeutsame Frage ist. Alle semitischen Religionen
(Judentum, Zarathustrianismus (Parsismus), Christentum und Islam) betrachten
Gott als eine Über-Persönlichkeit und stellen sich IHN als
einen Über-Vater vor. „Vater im Himmel, geheiligt sei Dein
Name,“ so wird gebetet. All diese Beschreibungen über Gott
besagen, daß ER eine große, all-umfassende Persönlichkeit
ist. Du fragst mich danach, ob ER wirklich eine Persönlichkeit
ist.
„Persönlichkeit“ ist eine menschliche Vorstellung.
Wenn wir über den Begriff „Persönlichkeit“ sprechen,
dann denken wir immer an eine menschliche Persönlichkeit. Wir denken
niemals an die Persönlichkeit eines Löwen oder Elefanten usw..
Unsere Gedanken werden durch menschliche Vorstellungen gesteuert. Ist
die menschliche Gedankenvorstellung die einzig richtige Denkweise, oder
gibt es noch andere Denkansätze? Ein Frosch denkt ebenfalls, ein
Reptil, eine Kuh und ein Elefant denken auch. Glaubst Du, daß
ihre Denkweise falsch ist?
Besucher A: Nein, denn es sind auch Persönlichkeiten.
Swamiji: Tiere sind auch Persönlichkeiten, aber wir glauben nicht
, daß Gott ein riesiger Löwe ist. Für gewöhnlich
glauben wir, daß ER die Form eines riesigen menschlichen „Korpus“,
so groß wie das Universum, einnimmt. Zunächst denken wir
wie menschliche Wesen, aber es ist nicht die einzig mögliche Denkweise.
Es könnte sein, daß wir unsere Denkweise modifizieren müssen,
wenn wir im Evolutionsprozeß fortschreiten wollen. Ein Mensch
denkt auf eine bestimmte Art und Weise, ein Über-Mensch denkt auf
eine andere Weise, und man kann davon ausgehen, daß der Mensch,
bis er ein Gott-Mensch wird, zunächst zum Über-Menschen werden
muß.
Eine andere Frage ist: Was bedeutet Persönlichkeit, -sei sie menschlich
oder andersartig? Eine „Person“ existiert in Raum und Zeit.
Wenn Raum und Zeit nicht vorhanden sind, gibt es auch keine „Persönlichkeit“.
Eine „Person“ existiert also im Raum, - sie ist von Raum
und Zeit umgeben. Wir glauben, daß Raum und Zeit von Gott erschaffen
wurden, und daß es davor weder Raum noch Zeit gab. In den Schriften
steht außerdem geschrieben, daß Gott „Himmel und Erde,
Raum und Zeit usw.“ erschuf. Wenn dies der Wahrheit entspricht,
dann kann Gott nicht von „Raum und Zeit“ abhängig sein;
- mit anderen Worten: ER ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Aber,
wenn ER sich nicht in Raum und Zeit befindet, wie willst Du IHN dann
als eine „Person“ betrachten?
Daher ist Gott in Wirklichkeit keine „Person“. ER ist auch
nicht nur im Himmel, denn ER erschuf den Himmel. Wo war ER, bevor ER
den Himmel erschuf? Wir können also weder behaupten, daß
ER eine „Person“ ist, noch daß ER im Himmel ist. Gott
ist eine Universelle, Allumfassende, Unendliche Existenz. Wenn wir der
Frage bezüglich der Natur Gottes so weit wie möglich nachgehen,
dann scheint dieses die einzig mögliche Schlußfolgerung zu
sein.
Aufgrund der persönlichenHingabe wird es jedoch anders gesehen.
Man kann nicht immer an die Unendlichkeit denken. Der Verstand hat nicht
dieses Denkvermögen. Wir wünschen uns Berührung, Liebe
und eine entsprechende Antwort darauf. Eine unendliche, alldurchdringende,
sowie raum- und zeitlose Existenz kann uns ebensowenig berühren,
wie eine logische bzw. mathematische Betrachtung dieser Existenz. Mathematik
und Logik sind ausgezeichnete Wissenschaften, die wir zwar akzeptieren,
aber nicht lieben können. Unser Herz sehnt sich nicht danach, sondern
zieht die Malerei, Musik, Architektur, Gestaltung und Literatur vor.
Wo sich unser Herz befindet, dort ist auch unsere Liebe und die Glückseligkeit
zu finden. Um unsere Liebe zu verwirklichen, suchen wir nach Objekten,
weshalb wir aus einsichtigen Gründen heraus das Unendliche nicht
lieben können. Darum müssen wir IHN als göttlichen Vater
betrachten. Manchmal betrachten IHN die Menschen in Indien (und anderswo
auch) als göttliche Mutter.
Aus unserer Sicht und aufgrund der Sehnsucht der menschlichen Natur,
ist es nicht falsch, Gott als eine Person zu betrachten, denn das Unendliche
kann durchaus als Person Gestalt annehmen, wie durch die Hand eines
Bildhauers aus einem Steinblock eine Statue werden kann. Der Steinblock
beinhaltet keine fertige Statue, aber durchaus das Potential einer Statue.
Gott kann eine Person sein, und doch brauchen wir IHN nicht auf eine
Persönlichkeit zu begrenzen. ER ist wahrhaftig eine Überperson.
Ich glaube, daß Gott so sein muß. Was meinst Du dazu?
Besucher A: Ich danke Dir für die ausgezeichnete Antwort.
Besucher B: Darf ich eine Frage stellen?
Swamiji: Wie lautet Deine Frage?
Besucher B: Ich stimme Deiner Beschreibung über die Natur Gottes
zu, aber ich muß bekennen, daß ich mich ein wenig befremdet
fühle, diese Vielzahl unterschiedlicher Idole in einem Hindu-Tempel
vorzufinden. Wie paßt das zu dieser Idee von Gott?
Swamiji: Diese Frage wurde mir bereits einhundert Mal gestellt, so
daß dieses jetzt die einhundert-und-erste Frage ist. Es ist schwierig
für den westlichen Geist, sich da hineinzudenken, da man dort nicht
daran gewöhnt ist, diese vielen Dinge zu sehen. Man muß sich
tief in die Psychologie dieser Art von religiösem Verhalten hineinversetzen.
Jemand, der ein Idol verehrt, verehrt damit nicht den individuellen
„vordergründigen“ Gegenstand.
Wir alle kennen irgendwelche Menschen, die als Präsident oder
Premierminister ihrer Länder bekannt sind. Wenn Du beispielsweise
sagst, daß der Präsident oder der Premierminister gekommen
ist, dann meinst Du damit eigentlich nur, daß ein Mensch wie Du
oder ich gekommen ist. Der Präsident eines Landes ist genauso ein
Mensch wie Du, oder wie ein Verkäufer in einem Ladengeschäft,
ein Taxifahrer, ein Zugführer oder Hotelportier. Er ist genauso
ein Mensch wie jeder andere, aber Du siehst in ihm etwas anderes. Wenn
der Präsident eines Landes kommt, dann siehst Du nicht nur einfach
einen Menschen vor Dir. Wer kommt denn nun wirklich? Ist es der Mensch
oder ist es der Präsident, der kommt? Sag’ es mir. Du siehst
den Präsidenten in jenem Menschen, der die ganze Macht und das
Vertretungsrecht seines Landes in sich vereinigt. Du respektierst den
Präsidenten, weil er das ganze Land repräsentiert. Aber in
Wahrheit ist es doch nur Herr „Soundso“, oder nicht?
Die Person ist das Idol und Du brauchst Dich mit ihr überhaupt
nicht verbunden zu fühlen. Fühlst Du Dich mit jedem Menschen
in dieser Welt derartig verbunden? Es gibt so viele Menschen auf der
Straße, aber, wenn ein Präsident kommt, dann wachst Du sofort
auf und begegnest ihm mit allen Ehren. Wen verehrst Du denn da in Wirklichkeit?
Du verehrst „etwas“, das Du in dem menschlichen Idol siehst.
Verstehst Du diesen Punkt? Ähnlich ist ein Idol in einem Schrein
oder Tempel nicht wirklich ein Idol, sondern die Vergegenwärtigung
von etwas, das sich jenseits seiner sichtbaren Form und Gestalt befindet.
Das ganze Universum stellt ein vollständiges Ganzes dar. Die Natur
setzt sich nicht aus Einzelteilen zusammen. Wenn ich mit dem kleinen
Finger einen kleinen Teil Deines Körpers berühre, wirst Du
sagen: „Du berührst mich.“ Diese Berührung eines
kleinen Körperteils ist mit der Berührung des ganzen Körpers
gleichzusetzen. Die Berührung eines kleinen Körperteils bedeutet,
daß damit der ganze Körper angesprochen wird. Die Tatsache,
daß die Natur ein alles umfassendes Ganzes darstellt, bedeutet,
daß jedes Einzelteil ebenfalls Natur ist. Damit kann man sogar
sagen, daß jedes Teil Gott selbst ist.
Dieses sogenannte „Teilkonzept“ ist nur eine Vorstellung.
Gott besteht nicht aus Einzelteilen. In der Natur gibt es auch keine
Einzelteile. Es gibt keine Teile in Deiner Persönlichkeit, denn
Du bist eine „ganze“ Person. Wenn Du hierher kommst, dann
kommt nicht ein Wirrwarr vieler Körperteile hierher, obgleich es
tatsächlich so aussieht, denn Du bist ein Konglomerat vieler Glieder;
dennoch kann man nicht einfach behaupten, daß nur viele Glieder
kämen, wenn Du sagst: „Ich komme.“ In der gleichen
Weise stellt die Natur eine ganzheitliche „Person“ dar,
und ein Teil davon ist genauso gut wie jedes andere. Da es schwierig
ist, das vollkommene Ganze aufgrund unserer unreifen Vorstellung von
der Wirklichkeit sofort zu erfassen, versuchen wir ES in einem Idol
auszudrücken. Durch den Fluß erreichen wir den Ozean. Wir
können den Ozean nicht direkt erreichen. Ich werde in einem Boot
sitzend auf dem Gangeswasser zum Ozean getragen. Alle Flüssen sind
wie Idole, die zum Meer hinführen, welches alle Flüsse in
sich vereint. Wenn Du irgendeinen Teil dieser Welt berührst, dann
berührst Du damit auf ähnliche Weise die ganze Welt.
Die Verehrung eines Idols bedeutet nicht nur die Verehrung eines Teilaspektes,
sondern eines symbolischen Teiles des Ganzen, der in jenem kleinen Teil
versteckt ist, genauso wie der Präsident, der in Form seiner Amtsautorität
in einem einzelnen Individuum gegenwärtig ist.
Ein anderes Beispiel betrifft die offiziellen Vertreter einer Regierung:
die Polizisten, Steuerbeamten, Richter und andere Funktionäre.
Jeder einzelne von ihnen vertritt die ganze Regierung. Wenn man die
Regierung sehen will, dann kann man sie nicht physikalisch irgendwo
als etwas gegenständliches sehen, vielmehr geht man zu den Amtsinhabern
wie zum Beispiel dem Richter, dem Finanzbeamten oder dem Regierungsbevollmächtigten,
die die Regierung vertreten. Wenn wir die Regierung sehen wollen, gehen
wir zu einer einzigen Person. Das Ganze wird durch eine einzelne Person,
die als administrative Autorität der Regierung gilt, vertreten.
Die Regierung selbst ist unpersönlich.
Auf die gleiche Weise vertritt jeder Teil der Welt das ganze Universum,
und darum sieht jemand, der ein sogenanntes Idol verehrt, in diesem
Idol das Abbild des gesamten Kosmos. Erinnere Dich an die Beispiele,
die ich zitiert habe. Genauso wie es nur einen Gott gibt, hat ein Land
nur eine Regierung, aber mit vielen offiziellen Regierungsvertretern.
Besucher B: Du bist heute morgen gut in „Form“! Vielen
Dank.
Swamiji: So habe ich jetzt viele Freunde.
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